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Ärzte Zeitung, 06.11.2011

Marburger Bund träumt von Dänemark

Arbeitsbedingungen für Klinikärzte waren das Hauptthema auf der Hauptversammlung des Marburger Bundes. Eindruck hinterließ der Bericht eines Arztes, der aus Deutschland nach Dänemark gegangen ist.

Von Christiane Badenberg

MB ringt um bessere Bedingungen für Ärzte

Stress gibt es immer wieder in Kliniken - in Dänemark wird die Arbeit wenigstens wertgeschätzt.

© Thomas Frey / imago

BERLIN. Klinikärzte, die das Arbeitsparadies suchen, sollten unbedingt einen Abstecher nach Dänemark machen.

Denn anders als paradiesisch kann man die Arbeitsbedingungen kaum bezeichnen, die der deutsche Radiologe Dr. Harro Bitterling den staunenden Delegierten auf der 120. Hauptversammlung des Marburger Bundes am Freitag in Berlin geschildert hat. Es waren Nachrichten aus einer anderen Welt.

Und Bitterling weiß, wovon er spricht. Vor fünf Jahren hat er sich als Klinikarzt in München an den Streiks beteiligt, die später zum Abschluss der ersten arztspezifischen Tarifverträge führten.

Im Ausland gibt es genug Alternativen

Damals trug er die dänische Flagge durch die bayerische Landeshauptstadt, um den Arbeitgebern zu zeigen, wenn sich die Arbeitsbedingungen für Ärzte in Deutschland nicht ändern, "gibt es für uns Alternativen".

Jetzt arbeitet er bereits seit drei Jahren in Südjütland, gleich hinter der deutschen Grenze - und das ausgesprochen gerne. Kein Wunder: Seit Bitterling in Dänemark angekommen ist, kennt er so gut wie keine Überstunden mehr.

Dienstende um 15.09 Uhr

 Seine Wochenarbeitszeit beträgt 37 Stunden, inklusive Mittagspause. Der normale Dienst wird in der Regel zwischen 7.45 Uhr und 15.09 Uhr erbracht. Kollegen, die Überstunden machen, sind besonders schlecht angesehen.

Dienste, die außerhalb der Kernarbeitszeit geleistet werden, gehen in die Wochenarbeitszeit ein, Wochenenddienste werden mit Zuschlägen von mehreren hundert Euro vergütet.

Dienstpläne sind vier Wochen im voraus bekannt. Bitterlings Gehalt liegt dabei zwischen 8000 und 9000 Euro im Monat.

Bessere Arbeitkultur in Dänemark

Eine Krankenversicherung muss er davon nicht mehr bezahlen, da Dänemark ein staatliches Gesundheitssystem hat, das sich aus Steuern finanziert. Er schätzt, dass umgerechnet auf die 37-Stunden-Woche, sein Gehalt, trotz höherer Abgaben in Dänemark, nicht niedriger ist als in Deutschland.

Aber es sind offenbar nicht nur diese Bedingungen, die Bitterling von Dänemark schwärmen lassen. Ihm gefällt auch die Arbeitskultur, die bei unseren skandinavischen Nachbarn gepflegt wird.

"Es gibt flache Hierarchien, Titel spielen keine Rolle, und es wird erwartet, dass man zu jedem freundlich ist, von der Reinigungskraft bis zum Pförtner. Eine Alleinherrschaft eines leitenden Arztes ist völlig unbekannt", so Bitterling. In Dänemark werde diskutiert nicht diktiert, so der Radiologe.

Konkurrenzdenken weniger ausgeprägt

Vor seiner Reise nach Berlin wollte Bitterling von einer deutschen Kollegin wissen, warum sie lieber in Dänemark arbeitet: "In Deutschland gibt es keine Kultur des Lobens", antwortete diese spontan. Nur negative Seiten und Misserfolge würden betont.

Der Umgangston sei in Dänemark freundlicher, das Konkurrenzdenken sei erheblich weniger ausgeprägt. Und besonders habe sie sich in Deutschland darüber geärgert, dass zusätzlich geleistete Arbeit auch noch besonders schlecht bezahlt wird.

1,5 facher Freizeitausgleich oder zusätzliche Vergütung für Überstunden

In Dänemark müssen Überstunden, wenn sie doch einmal anfallen, entweder mit einem 1,5 fachen Freizeitausgleich oder einer 1,5-fachen zusätzlichen Vergütung ausgeglichen werden.

In Deutschland erhalten Ärzte an den Unikliniken im Nachtdienst bislang einen Zuschlag von 1,28 Euro in der Stunde. Und dass sie weit mehr Stunden arbeiten, als es im Tarifvertrag steht, wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

Lesen Sie dazu auch:
Einigung in letzter Minute: Uniärzte blasen Streik ab

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