Ärzte Zeitung, 21.12.2011

Fluglärmgegner kämpfen für ihre Gesundheit

Flugzeuglärm und kein Ende: Der Protest gegen die neue Landebahn auf dem Flughafen Frankfurt wächst. Inzwischen erreicht der Patienten- Ärger auch Ärzte.

Von Christoph Fuhr

Fluglärmgegner kämpfen für ihre Gesundheit

Protest gegen Lärmbelastung durch die neue Landebahn Nordwest am Flughafen Frankfurt.

© Boris Roessler / dpa

FRANKFURT/MAIN. Der Ton der Auseinandersetzung wird giftiger: Immer mehr Menschen im Großraum Frankfurt wollen die wachsende Lärmbelästigung, die durch eine neue Landebahn entstanden ist, nicht akzeptieren. Erst am vergangenen Montag machten wieder mehrere tausend Demonstranten im Flughafen ihrem Unmut Luft.

Viele Bürgerinitiativen fordern, die neue Landebahn vollkommen zu schließen. Die Chancen dafür sind allerdings auch mit Blick auf die Baukosten in Milliardenhöhe nur sehr gering. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hat zuletzt noch einmal unmissverständlich klargestellt, dass es keine Schließung geben wird.

Eine "Zukunft mit Arbeitsplätzen und Wohlstand" sei in Hessen nur mit diesem Flughafen möglich, sagte er.

Auf der Suche nach Lösungen werden mehrere Optionen diskutiert:

Passiver Lärmschutz: Eine Änderung der Lärmschutzverordnung könnte mehr Anwohnern ermöglichen, ihre Häuser mit vom Flughafenbetreiber Fraport AG finanzierten Schallschutzfenstern auszustatten. Darüber hinaus könnte Fraport in extrem betroffenen Ortsteilen Häuser von Bürgern aufkaufen.

Aktiver Lärmschutz: Die Situation würde sich entspannen, wenn moderne, leise Flugzeuge eingesetzt werden - eine allerdings wenig realistische Option, weil das Umrüsten auf moderne Lärmstandards in den Maschinen extrem teuer wäre. Eine alternative Steuerung der Anflüge ist mit den derzeit geltenden Sicherheitsstandards, insbesondere in Zeiten mit höherem oder hohem Verkehrsaufkommen, nicht möglich und könnte allenfalls nachts realisiert werden.

Nutzungsbeschränkungen: Derzeit gilt auf Rhein-Main ein Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat dem Flughafen ein vorläufiges nächtliches Start- und Landeverbot erteilt. Mit Spannung wird im Frühjahr dazu ein entsprechendes Urteil des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig erwartet. Bürgerinitiativen weisen darauf hin, dass das Gericht dann nicht nur über das eingeschränkte Nachtflugverbot, sondern auch über die Rechtmäßigkeit des gesamten Planfeststellungsverfahrens zum Betrieb der neuen Landebahn entscheidet.

Fluglärmgegner kämpfen für ihre Gesundheit

Flugzeug im Anflug auf Frankfurt, ein Mikro hilft bei der Lärmmessung.

© Frank Rumpenhorst / dpa

Unabhängig vom Nachtflugverbot klagen Betroffene allerdings zunehmend, dass sie auch am Tag über 18 Stunden lang den Lärm durch die neue Landebahn nicht länger ertragen wollen.

"Immer häufiger tauchen bei mir Patienten auf, die sich darüber beklagen, dass sie morgens um fünf Uhr aus dem Schlaf gerissen werden", sagt etwa der Frankfurter Internist Dr. Kosta Schopow. Die Menschen hätten Angst vor den Folgeschäden des Lärms, erläuterte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Das einzelne Schallereignis, also der Lärm beim Überflug, liegt nach Angaben von Experten beispielsweise in der Gemeinde Flörsheim fast immer über 70 dB (A). Und das bei künftig rund 500 Anflügen pro Tag.

Repräsentative Umfragen des Umweltbundesamtes (UBA) im vergangenen Jahr haben ergeben, dass rund ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland über Fluglärm klagt. Hochgradig belästigt fühlen sich danach fünf Millionen Bürger.

Die Klagen der Bevölkerung sind offenbar begründet, wie auch die UBA-Studie "Risikofaktor nächtlicher Fluglärm" von Professor Eberhard Greiser zeigt. Im Vergleich zu Personen, die keinem Fluglärm ausgesetzt sind, steigt das Erkrankungsrisiko bei Herz-Kreislauferkrankungen mit zunehmender Fluglärmbelastung.

Auch bei psychischen Erkrankungen wurde eine Korrelation festgestellt: Bei Frauen sind die Erkrankungsrisiken für Depressionen nach UBA-Angaben signifikant erhöht.

Medikamentenverschreibungen bei nächtlichem Fluglärm waren erhöht

Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der vorausgegangenen "Arzneimittelstudie" des UBA, die höhere Medikamentenverschreibungen bei Personen nachwies, die nächtlichem Fluglärm ausgesetzt sind. Es ging dabei um die Häufigkeit von Verordnungen bestimmter Arzneigruppen bei 809.000 Bewohnern mit unterschiedlicher Fluglärmbelästigung im Umfeld des Flughafens Köln-Bonn.

Das Ergebnis: die Verordnung von Medikamenten bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen nahm abhängig von der Fluglärmbelästigung in hohem Maße zu.

Die Demonstranten in Frankfurt bleiben unterdessen am Ball. Am Montagabend hatte sie ihre Protestgesänge ganz auf die Weihnachtszeit abgestellt: "Stille Nacht, fünf Uhr acht, Deutschland schläft, wir sind wach. 300 Flieger, die Nerven sind blank. Das Haus ist wertlos, die Lunge wird krank. Lasst uns endlich in Ruuuuh. Macht die Landebahn zu..."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Gefahr im Vekehr oder alles im grünen Bereich?

Patienten, die Cannabispräparate in Dauermedikation haben, dürfen am Straßenverkehr teilnehmen. Eine wissenschaftliche Debatte über ein erhöhtes Verkehrssicherheitsrisiko wurde noch nicht geführt. mehr »

Frau hat keinen Anspruch auf Schmerzensgeld

Hat eine Frau Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn ein Arztfehler zu Impotenz des Mannes führt? Das OLG Hamm verneint – und gibt eine Begründung. mehr »

Tausende Pfleger ergreifen die Flucht

Großbritannien gehen die Pflegekräfte aus: Zu groß ist die Unzufriedenheit mit dem System. Sie zeigt sich zunehmend auch bei Patienten. mehr »