Ärzte Zeitung, 23.02.2012

Hintergrund

Medizinkarriere ist männlich

In Deutschland studieren mehr junge Frauen Medizin als Männer. Trotzdem haben die jungen Ärzte viel häufiger wesentlich ehrgeizigere Karrierepläne als ihre Kolleginnen. Das zeigt die KarMed-Studie, die Karriereverläufe während der fachärztlichen Weiterbildung untersucht.

Von Dirk Schnack

Medizinkarriere ist männlich

Die große Medizinkarriere haben Männer immer noch öfter im Blick als Frauen.

© blickwinkel/ imago

Die Medizin wird weiblich: mit solchen Sätzen wird seit Jahren auf den Trend verwiesen, dass der Anteil der Frauen unter den Medizinstudenten steigt.

Inzwischen sind rund zwei Drittel der Studienanfänger in der Medizin Frauen.

Aber wirkt sich das auch positiv auf ihre beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten aus?

Erste Zwischenergebnisse der KarMed-Studie ernüchtern: "Wir haben keine Veranlassung zu sagen, dass die Chancen für Frauen in der Weiterbildung massiv gestiegen wären", sagt Professor Hendrik van den Bussche.

Er ist Projektleiter für eine Studie, die Karriereverläufe von Ärztinnen und Ärzten während der fachärztlichen Weiterbildung (KarMed) untersucht.

"Frauen kommen nach wie vor nicht in den oberen Positionen an"

Damit sollen Prozesse, Hindernisse und förderliche Bedingungen für eine erfolgreiche Weiterbildung, insbesondere von Ärztinnen, untersucht und Empfehlungen für eine gender- und familienfreundliche Gestaltung der Weiterbildung entwickelt werden.

Für Dr. Regine Rapp-Engels, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, wird das höchste Zeit. "Frauen kommen nach wie vor nicht in den oberen Positionen an", sagte sie auf einer Arbeitstagung des Ärztinnenbundes in Hamburg, wo van den Bussche Zwischenergebnisse der Studie präsentierte.

Diese zeigen, dass die Geschlechter im PJ bezüglich der präferierten beruflichen Endposition nach der Weiterbildung unterschiedliche Vorstellungen haben - Männer streben in der Regel die höheren Positionen an.

Weibliche PJler präferieren als Endposition ihrer Laufbahn oft schon die Fachärztin im Krankenhaus (über 20 Prozent), während nur rund sechs Prozent der männlichen PJler diese Präferenz als Endposition angeben.

Oberarzt präferieren fast 40 Prozent der Männer, aber nur 27 Prozent der Frauen

Den Oberarzt als berufliche Endposition präferieren dagegen fast 40 Prozent der männlichen, aber nur rund 27 Prozent der weiblichen PJler. Noch deutlicher werden die unterschiedlichen Einstellungen bei der Position Chefarzt. Rund zwölf Prozent der Männer, aber nur zwei Prozent der Frauen im PJ nennen diese Präferenz.

Interessant sind die Ergebnisse auch für die KVen und die Bedarfsplanung. Immerhin 30 Prozent der Frauen im PJ streben eine Niederlassung als Fachärztin an, bei den Männern sind dies nur 23 Prozent. Eine hausärztliche Niederlassung ist das Ziel von elf Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen im PJ.

Keine Überraschungen gibt es hinsichtlich der präferierten Disiziplin: Frauen streben überwiegend in die Frauen- und in die Kinderheilkunde, Männer in die Innere Medizin, Chirurgie und Orthopädie.

Weitere Ergebnisse:

  • Nach der fachärztlichen Anerkennung wollen über 80 Prozent der Männer in den alten Bundesländern sofort Vollzeit arbeiten, bei den Frauen rund 33 Prozent. In den neuen Bundesländern ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern in dieser Frage deutlich geringer (71 zu 58 Prozent).
  • Unabhängig vom Geschlecht wollen fast alle Befragten eine fachärztliche Weiterbildung absolvieren. Von allen Befragten im ersten Weiterbildungsjahr hatten nur 18 Prozent ihre Promotion schon abgeschlossen. Zwischen den Geschlechtern gibt es in dieser Frage, wenn noch keine Kinder da sind, keine zeitlichen Unterschiede. Ärztinnen mit Kindern hatten die Promotion nur halb so häufig schon im ersten Weiterbildungsjahr geschafft wie Kollegen ohne Kinder. Und: Eltern streben signifikant häufiger keine Promotion an.
  • Teilzeitstellen sind zumindest zu Weiterbildungsbeginn kaum vorhanden. Nur drei Prozent der Neulinge in der Weiterbildung arbeiten Teilzeit.
  • Auch im Privaten herrschen weiterhin die traditionellen Verhältnisse von Mann und Frau vor.

Woran liegt es, dass die Karrieren von Frauen in der Medizin eher ins Stocken geraten? Darüber wurde in Hamburg spekuliert. Van den Bussche, aber auch die in der Schweiz zum gleichen Thema forschende Professor Barbara Buddeberg-Fischer von der Uni Zürich sehen ein Grund im stärkeren standespolitischen Engagement der Männer.

"Wenn Frauen für Verbandsarbeit angefragt werden, sagen sie meist nein - und begründen dies mit familiären Verpflichtungen", sagte Buddeberg. Und: Frauen, die Karriere in der Medizin machen, engagieren sich meist nicht noch standespolitisch.

Unterstützung von den Kammern vermissen viele. "Mein Eindruck ist, dass sich in den Ärztekammern nicht viel bewegt", sagte van den Bussche. Dies könnte daran liegen, dass dort hauptsächlich Männer die entscheidenden Positionen bekleiden.

KarMed-Studie

KarMed ist die einzige multizentrische und prospektive Untersuchung in Deutschland zum Berufsverlauf von Ärztinnen und Ärzten nach der Approbation. Das quantitative Teilprojekt übernimmt das Institut für Allgemeinmedizin am Hamburger UKE, das qualitative Teilprojekt das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung Leipzig.

In jährlichen postalischen Befragungen von im PJ rekrutierten Medizinstudenten werden Ärzte an sieben medizinischen Fakultäten in Deutschland einmal im Jahr zu ihren Berufspräferenzen, Belastungen, erreichten Meilensteinen, Qualität der Weiterbildung und sozialen Situation befragt.

Die erste Rekrutierung erfolgte 2008, von den 1012 Teilnehmern im PJ sind im vierten Jahr der Befragung noch über 80 Prozent dabei. Die Befragungen werden bis in das fünfte Weiterbildungsjahr fortgeführt.

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