Ärzte Zeitung, 02.05.2012

Mediziner lernen fast nichts über Sucht

Suchterkrankungen sind zunehmend ein Problem, etwa im Alter: Doch darauf werden Ärzte nicht gut genug vorbereitet, zeigt jetzt eine Studie. In fünf Jahren Studium befassen sich die angehenden Mediziner nur fünf Stunden lang mit Suchtkrankheiten.

Nur fünf Stunden Lehre zu Suchtkrankheiten

Süchtig nach Zigarren: Bei der Beratung zu Tabakentwöhnung fühlen sich Medizinstudenten laut Charité-Umfrage unsicher.

© Milanesio / fotolia.com

BERLIN (ami). Ärzte lernen im Studium nur sehr wenig über Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Dabei verursacht jede der beiden Suchterkrankungen ebenso hohe Kosten wie die Volkskrankheit Diabetes mellitus.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle, internationale Studie, die am Mittwoch an der Berliner Uniklinik Charité vorgestellt wurde.

Für die Studie wurden knapp 20.000 Medizinstudierende an 27 von insgesamt 36 Fakultäten in Deutschland befragt. Weit über die Hälfte äußerte den Wunsch, im Studium mehr über Abhängigkeiten zu lernen.

Gut zwei Stunden (135 Minuten) widmet das fünfjährige Medizinstudium in Deutschland durchschnittlich der Tabakabhängigkeit, drei Stunden dem Alkoholismus.

Nicht einmal ein Drittel der Medizinstudierenden im fünften und letzten Studienjahr geben an, dass sie die Folgeerkrankungen der Alkoholabhängigkeit kennen.

Praktische Kompetenz in der Raucherberatung messen sich nicht einmal fünf Prozent von ihnen zu. Das sind weitere Ergebnisse der Studie, die aktuell in der Fachzeitschrift "Addiction" (www.addictionjournal.org) publiziert ist.

"Die Ergebnisse der Studie haben politische Tragweite", sagte Studienleiter Privatdozent Dr. Tobias Raupach von der Universität Göttingen bei der Präsentation der Studie in Berlin.

Sucht soll fest in die Lerninhalte

Diese Auffassung vertritt auch Professor Claudia Spieß, Prodekanin für Studium und Lehre der größten Medizinfakultät Deutschlands an der Charité Berlin.

Raupach und Spieß fordern daher gemeinsam mit der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands (bvmd), dass Suchterkrankungen als expliziter Lerninhalt im derzeit diskutierten Nationalen Kompetenzbasiertem Lernzielkatalog Medizin (NKLM) festgeschrieben werden, den die Kultusministerkonferenz in Auftrag gegeben hat.

"Da muss es verankert werden", sagte Spieß. Sie sprach sich aber auch dafür aus, dem Thema nicht nur im Medizinstudium, sondern auch in den Ausbildungen anderer Gesundheitsberufe mehr Raum einzuräumen.

Zudem sei eine breite politische Diskussion nötig, um die Stigmatisierung von Suchtkranken zu beenden.

Wie das Thema im Medizinstudium Platz finden kann, zeigt die Charité beispielhaft mit ihrem Modellstudiengang. Dort vermittelt das Modul "Mensch und Gesellschaft" im zweiten Semester erste Grundlagen der Suchtmedizin.

Die Charité-Studierenden trainieren im Rahmen der Lehrveranstaltungen "Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit" immer wieder auch praxisbezogene Fertigkeiten im Umgang mit Suchtpatienten.

Ein Teilcurriculum "Ärztliche Betreuung von Patienten mit Suchterkrankung" für die höheren Semester des 2010/2011 gestarteten Modellstudiengangs ist derzeit noch in der Entwicklung.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Hohes Sterberisiko bei Ausbruch in der Adoleszenz

Wenn sich Typ-1-Diabetes in einem besonders vulnerablen Alter manifestiert, brauchen Betroffene viel Aufmerksamkeit. Sie haben ein hohes Risiko, an Komplikationen zu sterben. mehr »

100 Prozent Zustimmung

Die KBV-Vertreterversammlung präsentiert sich in neuer Einigkeit und richtet die Speere – wieder – nach außen. Klare Kante gegenüber dem Gesetzgeber und den Krankenhäusern. "Wir sind auf Kurs", meldete KBV-Chef Gassen. mehr »

Herz-Kreislauf-Risiko von Anfang an im Blick behalten!

Bei RA-Patienten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die wichtigste Todesursache. Die aktuellen Therapiealgorithmen zielen nicht zuletzt darauf ab, die Steroidexposition zu begrenzen. mehr »