Ärzte Zeitung online, 11.05.2012

Allgemeinmedizin-Pflicht im PJ ist vom Tisch

Erst Proteste, jetzt Freude: Mit seiner Entscheidung hat sich der Bundesrat auf die Seite vieler Medizinstudenten gestellt. Am 11. Mai lehnte er die Pflichtzeit in der Allgemeinmedizin ab.

Von Rebecca Beerheide

Allgemeinmedizin im PJ ist passé

Etwa 300 Studenten haben am Mittwoch vor dem Göttinger Universitätsklinikum gegen ein Pflichttertial Allgemeinmedizin protestiert.

© pid

BERLIN. Am Ende einer emotionalen und hitzigen Debatte im Vorfeld ging es ganz leidenschaftslos, fast technokratisch zu.

Die Ländervertreter gaben ihre Reden zu Protokoll, sie stimmten unter unverständlichen Abkürzungen wie "12ABBAAA" über die "Erste Verordnung der Approbationsordnung für Ärzte" ab und setzten damit der Diskussion um ein allgemeinmedizinisches PJ-Pflichtquartal ein Ende.

Damit machen sie auch die Hoffnungen des Hausärzteverbandes, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und anderer Verbände zu nichte, die sich für eine Stärkung der Allgemeinmedizin durch eine Pflichtzeit im PJ eingesetzt haben.

Die Universitäten werden aber durch die nun vorliegende Approbationsordnung verpflichtet, ab 2019 für bis zu 20 Prozent der Studenten einen PJ-Platz in der Allgemeinmedizin bereit zu stellen.

Außerdem wird mit der Approbationsordnung die Mobilität im PJ erhöht: Während es bisher einfacher ist ein Tertial in Kenia zu absolvieren, als zwischen Münster und Köln zu wechseln, können Studenten künftig - "sofern genügend Plätze vorhanden sind" -, die Uniklinik während des PJ wechseln.

Gegner der Pflichtzeit Allgemeinmedizin in Feierlaune

Die Sektkorken knallen bei den Gegnern der Pflichtzeit Allgemeinmedizin im PJ: Studentenvertreter, Entscheidungsträgern an Medizinfakultäten und viele Fachgesellschaften und Berufsverbände hatten sich in den vergangenen Tagen gegen ein Pflichttertial oder -quartal ausgesprochen.

In mehr als 13 Städten hatten Studenten gegen die geplante Pflichtzeit protestiert. "Der Einsatz hat sich gelohnt" heißt es von den Fakultäten. "Heute ist ein großer Tag für alle Studierenden", erklärte Kristian Otte, Vorsitzender der Medizinstudenten im Hartmannbund, der "Ärzte Zeitung".

Im Sozialen Netzwerk Facebook, wo sich rund 2000 Medizinstudenten gegen das Pflichtquartal organisiert hatten, wurde die Entscheidung gefeiert.

Auch die erhöhte Mobilität im Studium wurde mit Freude aufgenommen - war dies doch eine langjährige Forderung der Medizinstudenten. Auch wird das momentane "Hammerexamen" deutlich entschärft, indem Prüfungszeiten vor das PJ gelegt werden.

BMG begrüßt Entscheidung des Bundesrates; DEGAM enttäuscht

Auch das Bundesgesundheitsministerium begrüßte die Entscheidung des Bundesrates. Ein Sprecher verwies darauf, dass gemeinsam mit dem Versorgungsstrukturgesetz und der Approbationsordnung nun eine Verbesserung der Versorgungssituation in der Allgemeinmedizin erreicht werden soll.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM), deren Vorschlag das Pflichtquartal war, zeigte sich über die Entscheidung enttäuscht. Es wäre "ein Sieg der Vernunft" gewesen, wäre das Pflichtquartal Realität geworden.

Eine Stärkung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium wollen die Länder aber weiter forcieren. Der Bundesrat hat in einer Schlussbemerkung festgestellt, dass noch nicht genügend für die Allgemeinmedizin getan wird.

"Im Interesse einer möglichst frühzeitigen Bindung der Studierenden an das Gebiet ‚Allgemeinmedizin‘ hält der Bundesrat verpflichtende Ausbildungsbestandteile in der hausärztlichen Praxis für unerlässlich."

Und weiter heißt es am Ende der Beschlussempfehlung: "Der Bundesrat fordert das BMG daher auf, die praktische Umsetzung der Quoteneinführung aufmerksam zu beobachten."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Allgemeinmedizin an die Unis!

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[14.05.2012, 19:39:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Allgemeinmedizin? - Vergessen!
Die Entscheidung des Bundesrates vom 11. 5. 2012, ein verpflichtendes allgemeinmedizinisches Quartal im Praktischen Jahr für Mediziner abzulehnen, ist eine Bestätigung meiner These, dass die hausärztliche Allgemeinmedizin im Grunde eine Lehre vom "Vergessen" ist:

Ein Kind wird geboren, das später einmal Facharzt/-ärztin für Allgemeinmedizin werden könnte, was wird die Erzieherin im Kindergarten sagen? „Jetzt vergisst du mal alles, was man dir zu Hause beigebracht hat“. In der Grundschule, bei der Einschulung, wie lautet der Empfangsspruch? „Jetzt vergesst mal alle, was ihr im Kindergarten gelernt habt!“ Beim Besuch einer weiterführenden Schule: „Ganz schnell vergessen, was man euch in der Grundschule eingetrichtert hat!“ Die große Überraschung kommt nach Abitur und Studienplatzvergabe in der Medizinischen Fakultät der Vorklinik. Wie sprach der Dekan noch? „Was Sie alles für das Abitur gebüffelt haben, das können Sie hier getrost vergessen, meine Damen und Herren!“ Und kommen die Studenten in die heiligen Hallen der Klinik und sollen am Patienten lernen: „Diese ganze Vorklinik, die kannst du doch vergessen!“

Dann kommt der große Augenblick, das Staatsexamen, die Entlassung in die berufliche Tätigkeit, die Welt steht offen. Was sagen die ersten Klinikchefs, die Oberärzte von Kapstadt, New York, Buenos Aires, Sydney, Singapur, von Kiel, Garmisch, Aachen, Frankfurt/Oder, Castrop-Rauxel, Wanne-Eickel und Oer-Erkenschwick zu den Frischgebackenen? „Was ihr auch immer in der Uni gepaukt habt – forget it!“ Die anschließende Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, die Facharztprüfung und endlich die Niederlassung, was sagen die alteingesessenen hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen in ihren Vertragsarztpraxen dann im Chor? „Wenn Sie als Hausarzt in ihrer Praxis gegenüber den Patienten bestehen wollen, dann können Sie buchstäblich alles, aber auch alles getrost vergessen, was Sie je gelernt haben!“

Und dann fragen Sie doch mal in Ihrer Universität nach, was die dort im Medizinischen Dekanat von einer eigenständigen, professionell ausgestatteten Fakultät für Allgemeinmedizin mit Forschung und Lehre halten? „Allgemeinmedizin, Herr Kollege und Frau Kollega, das interessiert doch die Wenigsten, das können Sie im Unibetrieb wirklich vergessen!“ Viele Medizinstudenten werden Ihnen das leider bestätigen müssen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[14.05.2012, 17:32:13]
Prof. Dr. Ulrich Schwantes 
Grund zur Freude?
Mag sein, dass die einen feiern. Deswegen schäumen die anderen aber nicht. Warum auch? Letztlich bleibt es so, wie es ist. Zum Status quo kommt die Option, den Umfang der Lehre in der Allgemeinmedizin vorsichtig anzuheben. Sieben Jahren sind vorgesehen.
Warum die Medizinischen Fakultäten feiern, besser die tonangebenden Fächer, ist schnell klar. Man muss die begrenzten zufließenden Mittel nicht mit anderen teilen. Was die Studierenden aber feiern bleibt unklar. Der Umfang des PJ ändert sich nicht. 3x4 oder 4x3 macht jedes Mal 12 Monate. „Ein großer Tag für die Studierenden“, wie Herr Otte meint? Ist die Allgemeinmedizin eine Zumutung? Ist es für Studierende eine Zumutung, ärztliche Entscheidungsfindung und ärztliches Handeln ohne umfangreiche Technik zu erleben und zu lernen? Eine Zumutung dort zu lernen, wo ca. 95 % der medizinischen Versorgung stattfindet?
Der Bundesrat hat entschieden. Im Inhalt ist dies bedauerlich. Für uns Lehrende hat die Entscheidung eher erleichternden Charakter. Es ist mühevoll, Praxen zu rekrutieren, zu qualifizieren und einen anspruchsvollen Unterricht zu gestalten mit einem Lehrenden für einen Lernenden.
Wir hätten die Mühe gerne auf uns genommen. Wir begeistern gerne für unsere Disziplin - vor Ort und im Alltag. Studenten sind für uns keine Zumutung in der Praxis. Weder die ca. 2.000, die auf Facebook die Entscheidung des Bundesrats feiern, noch die vielen anderen der insgesamt jährlich ca. 13.000 Studentinnen und Studenten. Bis 2019 werden ansteigend bis zu 20% von ihnen Gelegenheit haben, ein Wahltertial in der Allgemeinmedizin zu absolvieren. Herzlich willkommen.
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