Ärzte Zeitung, 15.05.2012

Ein Potpourri Ideen gegen Stress im Job

Der Stress im Beruf nimmt zu und mit ihm Erkrankungen wie das Burn-out-Syndrom. Ärzte, Gewerkschafter und Politiker sind alarmiert. Ihre Rezepte gegen den Stress unterschieden sich allerdings.

Von Angela Mißlbeck

Stress im Job wird zu einer interdisziplinären Herausforderung

Stress kann auch somatische Folgen haben.

© Yuri Arcurs/fotolia.com

BERLIN. Die Arbeitswelt erlebt einen rasanten Wandel. Leistungs- und Wettbewerbsdruck steigen, die Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und Arbeitsgestaltung nehmen zu und die Arbeitsplatzunsicherheit wächst.

Das Thema "Burnout" ist in aller Munde. Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVND) will auf diese Entwicklung reagieren und sich verstärkt in der betrieblichen Gesundheitsförderung engagieren.

"Wir müssen unsere Bemühungen um Prävention am Arbeitsplatz verstärken. Prävention, Sekundärprävention, Rehabilitation und Wiedereingliederung sind die vor uns liegenden Aufgaben", sagte BVND-Chef Dr. Frank Bergmann.

Der Verband hatte das Thema beim Neurologen- und Psychiatertag in Berlin auf die Agenda gesetzt.

Auf einen Methodenmix bei der Prävention von arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen setzt Petra Müller-Knöß, Referentin für Arbeits- und Gesundheitsschutz der IG Metall Frankfurt.

Individuelle, Verhaltens- und Verhältnisprävention müssten sich ergänzen, forderte die Gewerkschafterin. Die IG Metall hält eine sogenannte Anti-Stress-Verordnung für nötig. Denn letztlich helfe nur der Druck durch Verordnungen und Gesetze.

"Wir wissen, wie man Arbeit menschenverträglich gestalten kann. Trotzdem müssen wir in den Betrieben feststellen, dass nicht alles so ist, wie wir es uns vorstellen", sagte sie.

Die Linkspartei unterstützt die Forderung der Gewerkschaft. Die Bundesregierung sieht jedoch keinen Grund zum Handeln und verweist auf andere "wirkungsvolle Instrumente".

Schulungen für die Führungskräfte

Einen Methodenmix in der Prävention befürwortet auch Dr. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes der Werks- und Betriebsärzte (VDBW). Ein Konzept des VDBW sieht vor, bei Interventionen wegen psychischer Belastungen am Arbeitsplatz dem Individuum zu helfen, die Verhältnisse zu beleuchten und Führungskräfte zu schulen.

Das Konzept, das in einer Broschüre des VDBW vorgestellt wird, ist laut Panter auch für kleine und mittlere Unternehmen geeignet, für die betriebliche Gesundheitsförderung oft schwierig zu realisieren ist.

Vor allem der Schulung von Führungskräften der mittleren Ebene misst Panter große Bedeutung bei. Aus seiner Erfahrung im Unternehmen sei das entscheidend, um das Thema vor Ort voranzubringen."

Ebenfalls an die mittlere Führungsebene wendet sich eine Schulung, die das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit gemeinsam mit dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker entwickelt hat.

Der eintägige Kurs unter dem Titel "Psychisch krank im Job, was tun?" trägt laut Professor Wolfgang Gaebel von der Uni Düsseldorf nachweislich zur Entstigmatisierung psychisch Kranker bei.

Gaebel verwies auf den doppelten Zusammenhang von Arbeit und seelischer Gesundheit: "Es geht nicht nur um die Prävention von psychischer Erkrankung durch Arbeit", sagte er. Eine weitere wichtige Aufgabe sieht er in der Reintegration von psychisch Erkrankten in die Arbeit.

In die Arbeitsqualität investieren

Auch der Medizinsoziologe und Public-Health-Forscher Professor Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf betrachtet Früherkennung, Mitarbeit bei der Prävention und Optimierung von Therapie und Rehabilitation als zentrale Zukunfts-Herausforderungen für Neurologen und Psychiater.

Vor allem plädierte er dafür, die Früherkennung belastender Arbeitsfaktoren zu verstärken. Zur Messung der psychosozialen Auswirkungen von Arbeitsbedingungen bieten sich laut Siegrist derzeit zwei Modelle an.

Das Anforderungs-Kontroll-Modell besagt, dass Stress wächst, je höher Anforderungen und je geringer Entscheidungsspielräume sind. Ebenfalls etabliert ist nach Siegrists Angaben das Modell beruflicher Gratifikationskrisen.

"Das Verhältnis zwischen Verausgabung und Belohnung muss stimmen. Wenn dieses Gleichgewicht über Jahre hinweg nicht gegeben ist, dann besteht Dauerstress und damit eine Gratifikationskrise", so Siegrist.

Eine Messung von Gratifikationskrisen im Jahr 2004 habe die höchsten Krisenwerte bei Gesundheitsberufen, in Landwirtschaft und Bergbau und bei Lehrern und Sozialarbeitern festgestellt. Ein ähnliches berufliches Spektrum listet eine aktuelle Antwort der Bundesregierung zum Thema Stress im Beruf.

Das Fazit von Siegrist: "Wenn man die Menschen lange am Erwerbsleben teilhaben lassen möchte, ist es sicher günstig in die Qualität der Arbeit zu investieren."

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