Ärzte Zeitung, 16.12.2012

Lokalpolitik

Wie es den Doktor in die Politik zog

Die Kommunalpolitik scheint auch im Norden für wenige Ärzte attraktiv. Hausarzt Dr. Klaus Nagel macht eine Ausnahme: Als Bürgervorsteher ist er Chef einer Gemeindevertretung.

Von Dirk Schnack

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Dr. Klaus Nagel ist eine große Ausnahme im Norden: Der Hausarzt engagiert sich in der Kommunalpolitik.

© Schnack

SCHARBEUTZ. Politik übt auch auf Ärzte Anziehungskraft aus, wie ein Blick quer durch die Parteien zeigt: Augenarzt Dr. Philipp Rösler zog es bekanntlich in die Bundespolitik, ebenso seine Kabinettskollegin, Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Im Bundestag sitzen seit 2009 sechs Humanmediziner, drei Tierärzte und ein Zahnarzt, darunter MB-Chef Rudolf Henke, Dr. Marlies Volkmer (SPD) sowie für die Grünen der Rostocker Dr. Harald Terpe.

Auch in den Ländern mischen einige Mediziner an entscheidenden Stellen mit. Beispiel Hamburg: Der aktuelle Finanzsenator der Hansestadt heißt Dr. Peter Tschentscher (SPD) und ist Laborarzt, der amtierende CDU-Fraktionschef und ehemalige Gesundheitssenator ist ebenfalls Mediziner - Dr. Dietrich Wersich.

Und Hausarzt Dr. Matthias Petersen hat als SPD-Chef der Stadt einige Jahre in vorderster Linie Politik in der Stadt mitgestaltet.

Aber wie sieht es an der Basis aus, dort wo in Hinterzimmern in stundenlangen Sitzungen die Entscheidungen für die Bürger vor Ort getroffen werden?

Kein Spitzenamt in der Kommune

In der Kommunalpolitik sind Ärzte selten in den Spitzenämtern anzutreffen. Der Schleswig-Holsteinische Städte- und Gemeindetag konnte auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" keinen ehrenamtlich tätigen Bürgermeister im Norden nennen.

Einer der wenigen in der Kommunalpolitik engagierten Hausärzte ist Dr. Klaus Nagel: er ist Bürgervorsteher der Gemeinde Scharbeutz an der holsteinischen Ostseeküste. Für den 71-Jährigen ist sein Engagement nicht Pflicht, sondern Kür.

"Es macht mir richtig Spaß", versichert Nagel zwischen Sprechstunde und Ehrenamt. Als Bürgervorsteher leitet er viele Sitzungen in der 12.000 Einwohner umfassenden Gemeinde, in der sich viel um den Fremdenverkehr dreht.

Nagel ist in dieser Position der Disziplinarvorgesetzte des Bürgermeisters. Daneben hat er viele repräsentative Verpflichtungen: er überbringt beispielsweise die Glückwünsche zu runden Geburtstagen älterer Menschen und zu wichtigen Hochzeitstagen.

In die Kommunalpolitik kam der Hausarzt vor rund fünf Jahren, als der örtliche Kurpark in Scharbeutz bebaut werden sollte. Nagel schloss sich der Bürgerinitiative gegen diese Pläne an.

"Nach einiger Zeit haben wir festgestellt, dass wir nur etwas bewegen können, wenn wir uns kommunalpolitisch einbringen", berichtet Nagel.

Auf Anhieb 63 Prozent der Stimmen

Es folgte die Gründung einer freien Wählergemeinschaft. Bei der Kommunalwahl 2008 wirbelte die Gruppierung die etablierte Parteienstruktur kräftig durcheinander.

Die Wählergemeinschaft erzielte auf Anhieb 40 Prozent, Nagel in seinem Wahlkreis 63 Prozent. "Das Ergebnis war mir fast peinlich, ich hatte mit Sicherheit einen Hausarzt-Bonus", räumt Nagel ein.

Nun war er in der Pflicht: die Wählergemeinschaft musste den Posten des Bürgervorstehers besetzen und der Kandidat mit dem besten Ergebnis konnte sich nicht verweigern: Nagel war plötzlich Bürgervorsteher, ohne dieses Amt je angestrebt zu haben.

Es folgte eine nicht ganz einfache Zeit, in der sich der Mediziner mit den kommunalpolitischen Regularien vertraut machen musste - und viele, viele Sitzungen: Allein die Fraktionssitzungen jeden Montagabend dauern gute drei Stunden.

Hinzu kommen die Ausschusssitzungen. In seiner Praxis wird Nagel durch eine Kollegin zur Aushilfe unterstützt.

Bei manchen neuen Patienten merkt er, dass sie in die Praxis kommen, weil sie ein Anliegen an ihn in seiner kommunalpolitischen Funktion haben. "Das trenne ich strikt", stellt er klar.

Warum sich so wenige Kollegen in die Politik auf örtlicher Ebene einbringen? Neben dem Zeitfaktor führt er auch das Image an: "Politik gilt und ist manchmal ein schmutziges Geschäft: auch in der Kommunalpolitik wird getrickst und getäuscht", hat Nagel festgestellt. Dennoch gibt es Erfolge - der Kurpark in Scharbeutz wurde nicht bebaut.

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