Ärzte Zeitung, 21.12.2012

Rettung einer Klinik

Der Kampf des Hausarztes

Eine Klinik soll schließen, das MVZ ist in Gefahr - und mit ihm Notarztstandort und Bereitschaftsdienst. Ein Hausarzt aus dem Odenwald macht mobil, geht auf Montags-Demos - und hat am Ende Erfolg.

Von Sabine Schiner

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Ließ sich nicht entmutigen und initiierte Montags-Demos: Dr. Gerhard Wetzig, Allgemeinarzt aus Lindenfels im Odenwald.

© privat

LINDENFELS. Wie kriegt man Ärzte aufs Land? Der Allgemeinmediziner Dr. Gerhard Wetzig aus Lindenfels im Odenwald hat ein sektorenübergreifendes Konzept entwickelt, um den ländlichen Standort zu stärken.

Wetzig ist in dem heilklimatischen Kurort aufgewachsen. 1986 hatte er die Praxis seines Vaters übernommen. Es ist eine gut eingeführte Praxis, mit deutlich mehr als 1000 Scheinen im Quartal und vier Mitarbeiterinnen.

Vor zwei Jahren ging er auf die Suche nach einem Partner: In ganz Deutschland fand sich niemand, der in seine Praxis einsteigen wollte.

"Das ist ja auch kein Wunder", sagt der 56 Jahre alte Wetzig. Dass es schwer ist, Nachfolger zu finden, zeichne sich schon seit vielen Jahren ab. "Man musste nur die Kollegen beobachten."

Chirurg, Internist, Gynäkologe - sie alle haben ihre Praxen aufgegeben. "2004 waren wir noch sechs Hausärzte im Ort, heute sind wir noch zu viert: Zwei haben volle Stellen, zwei arbeiten Teilzeit." Die Folge: Die Arbeitsbelastung nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Wetzig suchte Rückhalt bei den Kollegen des Hausärzteverbandes und bei der KV. Ohne Erfolg.

"Es gibt einen Interessenkonflikt zwischen Stadt- und Landärzten", erklärt Wetzig die mangelnde Unterstützung. Beispiel Notdienst: In Städten sei es kein Problem, ihn effizient zu organisieren.

Notdienstzentrale arbeitet defizitär

In ländlichen Gebieten, mit geringer Patientendichte und langen Anfahrtswegen, arbeiteten viele Bereitschaftsdienstzentralen defizitär und müssten von den Ärzten selbst finanziert werden.

Das schrecke den Nachwuchs ab. Als Wetzig erfuhr, dass dem örtlichen Krankenhaus die Schließung droht und damit auch das Medizinische Versorgungszentrum mit drei Arztsitzen, der Notarztstandort und auch die Ärztliche Bereitschaftsdienstzentrale in Gefahr sind, machte er mobil.

Er schrieb einen Offenen Brief an den Klinikträger, den Katholischen Klinikverbund Südhessen, und forderte den Erhalt der Klinik. 14 Kollegen unterzeichneten den Brief. Das Luisenkrankenhaus hat 111 Betten und ist der letzte große Arbeitgeber der Region.

Die gewachsenen Strukturen der Klinik gerieten in den vergangenen Jahren aus den Fugen. Die Klinik wechselte mehrmals den Besitzer, Abteilungen wurden geschlossen, es kam zu einem Investitionsrückstau.

Viele Patienten waren verunsichert, unter den Beschäftigten machte sich Angst breit. "Erst macht die Klinik dicht, dann geht das MVZ mit allen Ärzten, dann zieht die Apotheke weg - und dann die Familien."

5000 Unterstützer-Unterschriften

Der Allgemeinmediziner bastelte Plakate und ging zusammen mit seinem neun Jahre alten Sohn auf die Montags-Demos vor der Klinik, sammelte mit vielen Kollegen und anderen Mitstreitern in sechs Wochen 5000 Unterstützer-Unterschriften, nahm an Diskussionsrunden teil - und erstellte einen Plan, wie die medizinische Versorgung gesichert werden kann.

"Wenn es der Klinik gut geht, ist auch die Welt der niedergelassenen Ärzte in Ordnung." Mindeststandards der Klinik, so Wetzig, könnten eine internistische Station und eine chirurgische Ambulanz mit 24-Stunden-Bereitschaft sein, um Akutfälle operieren zu können.

Die Klinik brauche, um Gewinne schreiben zu können, eine Intensivstation mit Beatmungsplätzen, eine Möglichkeit für akute endoskopische Interventionen und ein Akut-Labor.

Je mehr Spezialisierungen es gebe, umso handlungsfähiger werde der ärztliche Bereitschaftsdienst. Denkbar sei auch, eine Geriatrie- oder Diabetologie-Abteilung aufzubauen.

"Das zieht junge Ärzte an", so der Hausarzt. "Wir können hier in Lindenfels ein Modell für ländliche Regionen werden."

Sein Engagement wurde belohnt. Der Klinikträger hat zugesagt, das Krankenhaus nicht zu schließen. "Jetzt muss die Politik ran", sagt Wetzig.

Er hofft, dass ein Weg gefunden wird, wie die Klinik auf eine wirtschaftlich gesunde Basis gestellt werden kann. Sein Fazit: "Nur wer bereit ist, quer zu denken und über die Sektorengrenzen hinweg, kommt weiter."

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