Ärzte Zeitung, 14.12.2012

Zoff bei den Klinikhygienikern

Interessenkonflikt oder Richtungsstreit?

Immer wieder gibt es Horrormeldungen über Klinikkeime. Doch über den Umgang damit sind sich Experten alles andere als einig. Das hat nun zu einem heftigen Streit der Beteiligten geführt.

Von Angela Misslbeck

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Alles sauber?

© Peter Atkins / fotolia.com

BERLIN. Für anhaltenden Streit in der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) sorgt der inzwischen beendete Serratia-Ausbruch auf der Frühchenstation der Berliner Uniklinik Charité.

In einem Brief an den Präsidenten der DGKH kritisiert eine Gruppe von Mitgliedern die Äußerungen des Sprechers Dr. Klaus-Dieter Zastrow über die Vorfälle an der Charité.

"Die Art und Weise, in der diesen Herbst die Kollegen der Charité durch ein Mitglied der DGKH vorschnell verurteilt wurden, war unserer Fachgesellschaft unwürdig", heißt es in dem Brief, der der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Die 31 Unterzeichner bemängeln konkret, dass Zastrow in einer Berliner Tageszeitung Ende Oktober "Schlamperei" angeprangert hat. In dem Brief ist die Rede von einer "Verdammung der Kollegen in der Charité".

Auf der Frühchenstation der Charité gab es im Oktober gleichzeitig mit einem Ausbruch von Serratia-Keimen einen Todesfall. Die Unterzeichner des Briefs fordern einen Ethikkodex für öffentliche Äußerungen im Namen der DGKH und unterstellen Zastrow einen Interessenkonflikt.

Denn der DGKH-Sprecher betreut die Klinikhygiene beim Berliner Vivantes-Klinikkonzern, der gerade bei der Neonatologie in direkter Konkurrenz zur Charité steht.

Zastrow wollte zu den Vorwürfen vor der Vorstandssitzung der DGKH nicht öffentlich Stellung nehmen. Auch DGKH-Präsident Professor Martin Exner verwies darauf, dass sich zunächst der Vorstand der Fachgesellschaft am 13. und 14. Dezember mit dem Brief befassen wolle.

Initiator des Briefs ist der Greifswalder Hygieniker Professor Axel Kramer, der bis vor kurzem das Präsidentenamt in der Fachgesellschaft innehatte.

Es wird kolportiert, dass sein Angriff auf Sprecher Zastrow damit zusammenhänge, dass er bei der letzten Vorstandswahl der DGKH gegen Zastrow als Kandidat für den Sprecherposten unterlegen sei.

Kramer widerspricht dieser Darstellung. "Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun", sagte er der "Ärzte Zeitung". Er sei fachlich schlicht entsetzt gewesen.

Unabhängig davon vertreten Kramer und Zastrow innerhalb der Fachgesellschaft inhaltlich zum Teil konträre Auffassungen. Zastrow stellt sich als Praktiker dar. In diesem Zusammenhang übt er auch Kritik am Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS).

Seine Position dazu findet sich in einer Stellungnahme auf der Homepage der Fachgesellschaft wieder. Dort heißt es, die Ergebnisse seien nicht valide und das eingesetzte Personal sollte sinnvollerweise anderweitig tätig werden.

Kramer widerspricht dieser Kritik. Die Stellungnahme ist nach seinen Angaben sehr umstritten und habe dazu geführt, dass eine Reihe von Mitgliedern erwogen hätten, aus der Fachgesellschaft auszutreten.

Brisant für Zastrow ist, dass auch in diesem Fall die Berliner Charité beteiligt ist. Sie ist Nationales Referenzzentrum von KISS.

[30.03.2013, 16:12:06]
Peter Riemann 
Legionellenvorsorge - einfach mal ganz anders?
In der "quer-Sendung" des BR "Legionellen - Lebensgefahr aus dem Brausekopf?" am 14.03.2013 wird das Duschverbot als Präventionsmaßnahme zur Diskussion gestellt. Hintergrund ist der extreme Legionellenbefall (bis 15.500 KBE) des Donaucenters in Neu-Ulm. Zu Wort kommen durfte mit einer "abweichenden Expertenmeinung" eine Krankenhaushygienikerin aus dem Klinikum Traunstein, die bereits 2007 im Rahmen einer Fortbildungsmaßnahme ("Hygiene - Offensive" nach Salmonellen- und Legionellenbefall) am Klinikum Fulda die Auffassung vertrat, ein Duschverbot sei überflüssig (siehe: "Hosenträger & Gürtel" - "Legionellenmaßnahmen im KLINIKUM überflüssig?" und "Grabenkrieg um KLINIKUM-Legionellen - KORTÜM: "Mir fehlen die Worte").
Es gebe keinen einzigen Nachweis, dass Legionellen durch Duschen übertragen würden, ergo, so die Interpretation der Presse, seien Grenzwerte und Meldepflicht obsolet.
Protagonisten dieser Haltung, auf der Basis "mangelnder Evidenz", ist Frau Prof. Dr. Ines Kappstein, die ihre ganz persönliche Auffassung im Georg Thieme Verlag im gleichen Jahr unter dem Titel: "Endständige Wasserfilter zur Prävention der Legionellose" veröffentlichte (Krankenh.hyg. up2date 2007; 2 (3): 189-191).
Diesen, teilweise polemisch erscheinenden Beitrag mit dem Untertitel: "Wirklich "Evidenz" oder alles nur "Eminenz"?" findet der interessierte Internetsurfer als Quellenangabe wieder in der DGKH Stellungnahme vom 05.10.2009: "Unbegründete Infragestellung von Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) führt zu verantwortungsloser Verunsicherung der Praxis".
Darin recht deutlich der Hinweis der "Eminenzen" dass durch "stringente Umsetzung nationaler konsentierter Richtlinien in Frankreich der Anteil nosokomialer Legionellosen drastisch gesenkt werden konnte."
Noch deutlicher der Hinweis: "Somit ist die Richtlinie „State of the art“ und orientiert sich in den Fällen, wo wissenschaftliche Evidenz fehlt am Vorsorgegrundprinzip. Dieses Vorsorgeprinzip besagt, dass fehlende wissenschaftliche Gewissheit über eine konkrete Gefahr keine Begründung für die Unterlassung von risikomindernden Maßnahmen sein darf."

Was aber hat das mit dem obigen Beitrag von Angela Misslbeck zu tun?
Sehr einfach, die "DGKH-Schelte" von PD Dr. med Schulze-Röbbecke und der
einhergehende Applaus deuten an, was in einem anderen Beitrag benannt wird: Hier ist ein Religionskrieg im Gange ("Ersatzreligion Hygiene", von Philipp Graetzel, DocCheckNews vom 27.01.2010).
Auch diesen Beitrag kommentierte Herr Schulze-Röbbecke und schreibt das, was er hier sinngemäß zwei Jahre später wiederholt: "Leider lassen sich die DocCheck News (die ich sonst sehr schätze) mit diesem Artikel offensichtlich für einen persönlichen Rachefeldzug des Herrn Dr. Zastrow (im Vorstand der DGKH zuständig für Koordination für Leitlinien und Öffentlichkeitsarbeit, Anm. d. Verf.) instrumentalisieren, der im vergangenen Jahr vom Amtsgericht München wegen Beleidigung von Frau Prof. Kappstein rechtskräftig verurteilt wurde (Az. 1111 Bs 22/08)."

Dankenswerterweise verweist Herr Schulze-Röbbecke, der mit Frau Kappstein in der Schriftleitung des Thieme Verlages tätig ist, auf eine andere interessante Stellungnahme des Vorstandes der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene vom 20.08.2010 hin. In: „Standardhygiene statt Isolierung“ – Tatbestand der Körperverletzung", lehnt die Autorin, Frau Prof. Dr. med. Ines Kappstein (Traunstein), die Isolierung von Patienten mit Nachweis von MRSA mit der Begründung der fehlenden Evidenz und sogar der Ineffektivität ab."

Damit existieren zwei Beispiele (Legionellen- und MRSA-Prävention), die jedem Mediziner und Nichtmediziner zeigen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf:
gesetzliche Richtlinien und Verordnungen zum Schutz von Menschen dürfen nicht zum Spielball von selbst nicht abgesicherten, abweichenden "Lehrmeinungen" werden, die in der Praxis umgesetzt werden.

Damit wird eine Individualhaltung, wie sie in einem weiteren Quellenverweis der oben erwähnten ersten DGKH Stellungnahme vom 05.10.2009 auftaucht (Kappstein I., „Empfehlungen der "Richtlinie"- was mache ich anders?“) zum "Anathema" und genau das hat der Bayrische Rundfunk nicht bemerkt.


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[30.01.2013, 20:04:45]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Ganz herzlichen Dank!
Herr Kollege, PD Dr. med. Roland Schulze-Röbbecke, für diesen ausführlichen und fundiert belegten Beitrag.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »
[30.01.2013, 18:00:27]
Charlotte Repnow 
Danke für diesen Leserbrief!
Endlich jemand, der Ross und Reiter nennt.
Danke für diesen Leserbrief. zum Beitrag »
[18.12.2012, 13:34:10]
Anne C. Leber 
Diese Leserzuschrift erreichte uns
Als Krankenhaushygieniker des Universitätsklinikums Düsseldorf möchte ich mich für Ihren heutigen kritischen Bericht über die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene bedanken („Zoff bei den Klinikhygienikern – Interessenkonflikt oder Richtungsstreit?“)!
Wie auch für die meisten meiner Kollegen ist die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) seit Jahren ein Ärgernis. Es gibt wissenschaftlich erheblich seriösere und z.T. auch größere und ältere Fachgesellschaften, die sich mit der Krankenhaushygiene befassen, z.B. die Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie und die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie. Die 1990 gegründete DGKH ist uns in den letzten Jahren jedoch besonders durch ihre (im Vergleich mit ihrer geringen wissenschaftlichen Bedeutung) große Medienpräsenz und durch ihre (oft vom DGKH-Sprecher Dr. Klaus-Dieter Zastrow ausgehenden) vorschnellen und unsachlichen öffentlichen Äußerungen aufgefallen. Diese schrecken nicht einmal vor dem Schüren irrationaler Ängste und vor Rufmordkampagnen gegen Einzelpersonen zurück. Hier einige Beispiele:
• 2010 starben in der Uniklinik Mainz drei Frühgeborene durch verunreinigte Infusionslösungen. Die Infusionslösungen waren nicht in der Uniklinik hergestellt worden, Zastrow vorverurteilte jedoch öffentlich die Mitarbeiter des Uniklinikums indem er verlautbarte, er halte es für unwahrscheinlich, dass die Bakterien schon in einem der industriell gefertigten Rohstoffe für die Infusionslösung der Kinder steckten. „Der gefährlichste Moment ist der, wenn die Infusionen auf der Station verteilt und gelegt werden. Da können sich am ehesten Fehler einschleichen“ (Quelle Fokus, „Tatort Krankenhaus“ 13. Juni 2012)
• Am 20.08.2010 veröffentlichte die DGKH auf ihrer Webseite eine Stellungnahme gegen die Traunsteiner Krankenhaushygienikerin Prof. Dr. Ines Kappstein, die heute noch einsehbar ist (http://www.dgkh.de/informationen/informationsarchiv/313) und in der Frau Kappstein des unethischen Handelns und der Körperverletzung bezichtigt wird. Die dort aufgeführten Gründe sind sachlich nicht nachvollziehbar und die zitierten Literaturstellen eignen sich nicht zur Rechtfertigung einer solchen Rufmordkampagne. Tatsächlicher Grund für die Stellungnahme dürfte die vorausgegangene Verurteilung Zastrows durch das Amtsgericht München wegen Beleidigung von Frau Prof. Kappstein sein (Urteil vom 10.04.2009, Az. 1111 Bs 22/08).
• Zwischen Mai und Juli 2011 erkrankten in Deutschland insgesamt 3842 Menschen an EHEC. Auslöser waren aus Ägypten importierte Bockshornkleesamen, die mit dem enteroaggregativen EHEC-Stamm O104:H4 kontaminiert waren. Zastrow äußerte sich während der Epidemie gegenüber der Presse, ein Anschlag mit kriminellem Hintergrund sei nicht ausgeschlossen (dapd, 03.06.2011) und behauptete „Lebensmittel sind nicht Auslöser der EHEC-Krise“ (Fokus online 20.06.2011). Gleichzeitig kritisierte er das epidemiologische Vorgehen der Kollegen vom Robert-Koch-Institut, das letztlich zur Aufklärung der Epidemie führte, als „dilettantisch“ und als „katastrophalen Unsinn“ (Berliner Zeitung 21.06.2011).
• Am 14.11.2012 veröffentlichte die DGKH auf ihrer Webseite die auch von Ihnen erwähnte „Klarstellung und Erläuterung zum Stellenwert von Surveillance Systemen in Einrichtungen des Gesundheitswesens“, die das für die Prävention extrem wichtige, evidenzbasierte und gesetzlich vorgeschriebene Verfahren der Surveillance nosokomialer Infektionen mit falschen Argumenten diskreditiert. Die DGKH-Veröffentlichung richtet sich offenbar gegen das in der Charité angesiedelte Nationale Referenzzentrum für die Surveillance nosokomialer Infektionen und dessen Leiterin Frau Prof. Dr. Petra Gastmeier. Die wissenschaftlich hervorragend ausgewiesene Frau Gastmeier war der DGKH schon öfters unbequem, z.B. durch eine kürzlich im Journal of Hospital Infection (2012; vol 81: p 73-78) erschienene Metaanalyse, die belegt, dass die von namhaften DGKH-Mitgliedern propagierten, teuren OP-Lüftungsanlagen mit Laminar airflow das Infektionsrisiko nicht senken sondern steigern. Medizinisches Krankenhauspersonal, dem die Gepflogenheiten der DGKH nicht geläufig sind, lässt sich durch solche Stellungnahmen z.T. erheblich verunsichern und es bedarf dann größerer Anstrengungen und Überzeugungskraft, die Surveillance weiter durchzuführen.
• Im Oktober 2012 erkrankten in der Charité acht Frühgeborene an einer Serratia-Infektion. Ein Frühgeborenes starb, wie bei der Obduktion geklärt wurde jedoch nicht aufgrund der Serratien, sondern postoperativ an seiner schweren Grundkrankheit. Zastrow forderte im Namen der DGKH im Bereich Neonatologie „solche Mitarbeiter müsste man entlassen“, weil so ein Ausbruch „immer ein Zeichen von Schlamperei“ sei (Berliner Zeitung 21.10.2012).
Die Forderung von 31 DGKH-Mitglieder (unter Ihnen Prof. Dr. Axel Kramer, bis 2010 selbst Präsident der DGKH) nach einem Ethikkodex für öffentliche Äußerungen im Namen der DGKH und die Unterstellung eines Interessenkonfliktes bei Zastrow lässt aufhorchen. Interessenskonflikte sind nämlich nicht nur im Verhältnis zwischen den von Zastrow beratenen Berliner Vivantes-Kliniken und der Charité zu vermuten sondern auch aufgrund der wiederholten Instrumentalisierung der DGKH durch einzelne Vorstandsmitglieder zur persönlichen Begleichung „alter Rechnungen“ sowie aufgrund der engen Verflechtungen Zastrows und anderer DGKH-Vorstandsmitglieder mit der Industrie. Für den Komplex der „Hygiene-Industrie“ (z.B. Lüftungstechnik, Wasseraufbereitung, Zertifizierungs-Dienstleister, Medizinprodukte- und Desinfektionsmittel-Hersteller) ist die DGKH bekanntermaßen ein wichtiger Hebel zur Durchsetzung eigener wirtschaftlicher Interessen. Erleichtert wird dies u.a. durch die Aktivitäten des DGKH-Vorstands in gesundheitspolitisch bedeutsamen Gremien wie der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert-Koch-Institut und der Trinkwasserkommission beim Umweltbundesamt, deren Mitglieder ihre Interessenskonflikte bisher nicht offenlegen müssen.

Kritische Berichte wie der Ihre mögen der DGKH schaden. Der Prävention nosokomialer Infektionen, die nach wie vor eine der größten Herausforderungen der Medizin darstellt und mit wissenschaftlichem Ernst voranzubringen ist, kommen sie dagegen zu Gute.
PD Dr. med. R. Schulze-Röbbecke
Universitätsklinikum Düsseldorf
Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene
Universitätsstraße 1
40225 Düsseldorf
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