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Ärzte Zeitung online, 12.12.2013

2012

25.600 Jugendliche saufen sich in Klinik

Komasaufen bleibt in: Auch 2012 sind wieder mehr Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung in Kliniken eingeliefert worden als noch im Jahr zuvor. Vor allem im Osten tranken viele Teenager zu exzessiv, wie vorläufige Zahlen zeigen.

Von Rebecca Beerheide

25.600 Jugendliche saufen sich in Klinik

Die Zahl der jugendlichen Komasäufer steigt immer noch.

© Line-of-Sight / fotolia.com

NEU-ISENBURG/HAMBURG. Die Zahl der jugendlichen Komasäufer in Deutschland ist im vergangenen Jahr wieder leicht gestiegen.

Das geht aus vorläufigen Zahlen der Statistischen Landesämter hervor, die die Krankenkasse DAK-Gesundheit zusammengestellt hat.

In 14 Ländern - Daten für Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland lagen noch nicht vor - wurden 2012 mehr als 25.600 Jugendliche mit Alkoholvergiftungen in ein Krankenhaus gebracht. Das sind 0,4 Prozent mehr als im Vorjahr.

"Im Vergleich zum Jahr 2003 gibt es eine Zunahme um fast 90 Prozent", so DAK-Sprecher Rüdiger Scharf.

2003 zählten die Landesämter 13.583 Jugendliche mit Vollrausch. Gezählt wurden dabei Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 20 Jahren, die nach dem Trinken von Alkohol in einer Klinik versorgt werden mussten.

Regional auch deutliche Rückgänge

Vor allem im Osten tranken 2012 mehr Jugendliche bis zum Umfallen. In Sachsen-Anhalt zählte das Statistische Landesamt einen Anstieg von 12,5 Prozent, in Thüringen von 11,2 Prozent, in Sachsen 9,5 Prozent.

Auch in den westlichen Bundesländern nahm die Zahl der Komasäufer zu, beispielsweise in Niedersachsen um acht Prozent, in Rheinland-Pfalz um vier Prozent, in Schleswig-Holstein um 2,5 Prozent und in Hessen um 1,3 Prozent.

In anderen Ländern gibt es nach den vorläufigen Zahlen auch deutliche Rückgänge - am stärksten in Bremen (minus 12,5 Prozent) und in Baden-Württemberg mit minus 6,5 Prozent. In Bayern (minus 1,5 Prozent), Nordrhein-Westfalen (minus 0,9) sowie Brandenburg (minus 1,2) und Hamburg (minus 0,5) sank die Zahl ebenfalls.

Für die DAK-Gesundheit, die sich mit Präventionsprogrammen für die Aufklärung über Alkoholmissbrauch einsetzt, lassen sich aus den Zahlen zwei Entwicklungen ablesen: So habe sich das Trinkverhalten der Jugendlichen verändert.

Zwar trinken in absoluten Zahlen weniger Jugendliche Alkohol. Doch diejenigen, die zur Flasche greifen, trinken exzessiv.

Laut dem aktuellen Drogenbericht der Bundesregierung aus dem Mai 2013 trinken, rauchen und kiffen Jugendliche unterm Strich weniger als vor zehn Jahren.

Bei den zwölf- bis 17-Jährigen ist nach Angaben der Bundesregierung der regelmäßige Alkoholkonsum von 17,9 auf 14,2 Prozent im Jahr 2011 gesunken.

Die Zahlen der 14 Statistischen Landesämter weisen für 2011 rund 25.500 Fälle von Komasaufen aus. 100 Fälle mehr sind es im Jahr 2012.

Trinken als Mutprobe

Oftmals werde Trinken als Mutprobe verstanden, viele Mädchen wollen mit älteren Jungs mithalten, so ein DAK-Sprecher zur "Ärzte Zeitung". Außerdem würden Jugendliche heute schneller ins Krankenhaus gebracht.

Das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel ist in einer Studie im Auftrag der Kasse zu dem Schluss gekommen, dass Verfügbarkeit von Alkohol einen wesentlichen Einfluss auf das Komasaufen hat.

So haben 48 Prozent der Jugendlichen, die angegeben hatten, leicht an Alkohol zu kommen, im Studienzeitraum erstmals in ihrem Leben fünf oder mehr alkoholische Getränke bei einer Gelegenheit zu sich genommen.

Von den Jugendlichen, die nach eigener Aussage eher schwer an Alkohol gelangen können, haben 38 Prozent im Beobachtungszeitraum erstmalig bis zum Umfallen getrunken.

Schlussfolgerung der Studie: "Sowohl die Reduzierung der objektiven Verfügbarkeit als auch die Reduzierung der individuellen wahrgenommenen Verfügbarkeit erscheinen aus Sicht der Prävention sinnvoll."

Weiteres Präventionsprojekt ist die Plakat-Aktion der DAK-Gesundheit "Bunt statt Blau". Dabei zeichnen Schulklassen Plakate und werben bei ihren Mitschülern für mehr Vorsicht beim Umgang mit Alkohol.

Das Projekt "Hart am Limit" (HaLT) will Jugendliche in dem Moment ansprechen, wenn es ihnen am peinlichsten ist: Direkt am Krankenbett. Doch dafür benötigen die Sozialarbeiter das Einverständnis der Eltern. (mit Material von dpa)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Komasaufen: Mehr Gespräche am Klinikbett!

[12.12.2013, 15:34:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Unsere Alkohol-Gesellschaft schießt sich auf "Junge Leute" ein!
Ich werde den Verdacht nicht los, dass die entrüstete öffentliche Debatte über "Jugendliche Komasäufer" (dann wird schon mal großzügig bis zum 20. Lebensjahr aufgerundet) nur dazu dient, vom e i g e n e n exzessiven Alkoholkonsum und -Missbrauch der Älteren abzulenken. Zu 1. und 2. Bundesliga-Fußballspielen und anderen Top-Spielen ziehen an jedem einzelnen Spieltag auch bis zu 2 Millionen Bundesbürger ü b e r 20 Jahre saufend, singend und marodierend durch Stadien, Kneipen und Nachbarschaft.

Im Jahr 2007 (aktuellere Zahlen fand ich nicht) "wurden in den bayerischen Krankenhäusern 47.821 alkoholbedingte Behandlungsfälle registriert. Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung entsprach dies einer Steigerung um rund 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 6.300 – das waren gut 13 Prozent – der wegen Alkoholmissbrauch vollstationär behandelten Personen waren Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von unter 20 Jahren".

Wenn man diesen 13 prozentigen Anteil der 10- bis 20-Jährigen auf die oben referierte DAK-Erhebung bundesweit hochrechnet, kommt man auf 171.323 erwachsene Patientinnen und Patienten ü b e r 20 Jahre, die nach dem Trinken von Alkohol akut intoxikiert in einer Klinik versorgt werden mussten. Das sind doch deutlich m e h r als: "In 14 Ländern - Daten für Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland lagen noch nicht vor - wurden 2012 mehr als 25.600 Jugendliche mit Alkoholvergiftungen in ein Krankenhaus gebracht." Und von den klinischen Spätfolgen chronisch-toxischem Alkoholabusus wie Hepatopathie, Leberzirrhose, Ösophagusvarizen, Kardiomyopathie, Polyneuropathie, Demenz, Korsakow-Syndrom will ich gar nicht erst anfangen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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