Ärzte Zeitung, 15.12.2014

Beispiel Köln

Öffentliche Defibrillatoren werden kaum genutzt

Seit fünf Jahren gibt es in Köln 132 öffentliche Defibrillatoren. Genutzt wurden davon bislang nur wenige, obwohl sie Leben hätten retten können. Experten fordern: Ersthelfer müssen besser ausgebildet werden. Am besten schon in der Schule.

Öffentliche Defibrillatoren werden kaum genutzt

Defibrillatoren im öffentlichen Raum sind vorhanden, genutzt werden sie aber nur selten.

© Rainer Klawki

KÖLN. In Deutschland müssen viel mehr Menschen, insbesondere Jugendliche, in der Herz-Lungen-Wiederbelebung von Patienten mit Herzkammerflimmern geschult werden.

"Wir müssen flächendeckend erreichen, dass die heranwachsende Generation keine Berührungsängste hat, Menschen mit plötzlichem Herztod zu reanimieren", sagte Professor Stephan Baldus, Direktor des Herzzentrums an der Universitätsklinik Köln.

Die öffentlich verfügbaren Defibrillatoren seien bei der Erstversorgung eine sinnvolle Ergänzung, sagte Baldus beim 1. Nationalen Arbeitstreffen PAD (Public-Access-Defibrillation). "Aber sie können auf keine Weise die Herz-Druck-Massage ersetzen."

Die Erfahrungen in Köln zeigen, dass aber auch die öffentlichen Defibrillatoren noch zu wenig genutzt werden. In der Domstadt hängen seit rund fünf Jahren 132 öffentlich zugängliche Geräte.

200 bis 300 Fälle von plötzlichem Herztod

Von den 200 bis 300 Patienten, die pro Jahr im öffentlichen Raum einen plötzlichen Herztod erleiden, befinden sich 40 Prozent in 200 Meter Umkreis eines Defibrillators. "Davon sind bisher leider nur acht defibrilliert worden", berichtete Baldus.

Das dürfe aber nicht zu einer schlichten Forderung nach einer höheren Zahl von Geräten führen. "Wir müssen noch besser werden im Training von Ersthelfern."

Das bestätigte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Kölner Uniklinik. "Laienreanimation ist das Wichtigste."

Wiederbelebung als Schulfach?

In Deutschland würden zurzeit weniger als 20 Prozent der Bevölkerung Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. In Norwegen, wo die Ausbildung in den Schulen Pflicht ist, seien es mehr als 60 Prozent. "Man muss so früh wie möglich anfangen", betonte Böttiger.

Hoffnung macht den Ärzten die Tatsache, dass die Kultusministerkonferenz im Sommer regelmäßige Wiederbelebungstrainings in Schulen empfohlen hat.

In Hamburg ist dazu bereits ein Pilotprojekt gelaufen. Schüler wurden in der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf geschult und haben dann ihren Mitschülern Wiederbelebungstechniken beigebracht.

"Wir prüfen jetzt, ob wir das Projekt in die Fläche bringen", sagte Beate Proll vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg. (iss)

[15.12.2014, 17:11:37]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Vorsicht! Satire!
Wie gut, dass es in Köln an den 132 öffentlichen Defibrillatoren keine Warteschlangen, Wartezeiten und überquellende Wartezimmer auf der Suche nach einen Termin mit diesen formschönen Geräten und den hinzueilenden, attraktiven Ersthelferinnen und Ersthelfer gibt.

Denn sonst hätte unser aller ebenso tapfer wie Medizin-bildungsfern agierende Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe eine zentrale Termin-Vergabestelle für die Defibrillator-Anwendung bei den Kassenärztlichen Vereinigungen kostenpflichtig einrichten lassen, um damit der Chancenungleichheit auf dem Land mit dort außerordentlich ausgedünntem Versorgungsnetz von PAD (Public-Access-Defibrillation) zu begegnen.

Der Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und der Bundesverband der Privaten Krankenversicherer (PKV) denken jetzt schon ernsthaft darüber nach, alle öffentlich verfügbaren Automatisierten Externen Defibrillatoren (AED), auch als Laiendefibrillator oder Defi bezeichnet, mit einem automatisierten Kartenlesegerät (AKLG) für die E-Health-Card zu versehen.

Denn da die Leistungen des EBM "Reanimationskomplex" (EBM-GOP 01220) mit 101,68€ und die der EBM "Elektrostimulation(en) des Herzens" (EBM-GOP 01222) mit 28,53€ bewertet, aber von n i c h t-ärztlichen Laienhelfern gar nicht erst abgerechnet werden können, würden die GKV-Kassen diese Honorare gerne als zusätzliche Boni an ihre Mitarbeiter ausschütten. Außerdem hätte man damit ein kostenloses Bewegungsbild von Versicherten, die AEDs durch zu häufigen Gebrauch verschleißen.

Bei den PKV-Versicherten kämen analog nach GOÄ pro PAD (Public-Access-Defibrillation) einmal die GOÄ-Nr. 429 ("Wiederbelebungsversuch...") in Höhe von 53,62€ (2,3-facher Satz) und die mit 400 Punkten ebenso hoch bewertete GOÄ-Nr. 430 ("Extra- oder intrathorakale Elektro-Defibrillation...") als Boni für die gewinnorientiert arbeitenden PKV-Vorstände in Frage.

Im Bundesfinanzministerium erarbeitet eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Minister Dr. Wolfgang Schäuble fieberhaft eine Gesetzesvorlage, nach der diese zusätzlichen Kassen-Einkünfte der Mehrwertsteuerpflicht zu unterwerfen seien. Schließlich könne man die GKV-Versichertengemeinschaft der Arbeitnehmer und Arbeitgeber ja nicht endlos durch weitere Kürzungen des gesetzlichen Bundeszuschuss an die GKV-Kassen schröpfen, sondern müsse sich nach alternativen Steuereinnahmen umsehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[15.12.2014, 13:20:18]
Dr. Karlheinz Bayer 
Es besteht ein Überangebot an Defibrillatoren

Seien wir doch mal ehrlich! Daß in Köln 132 Defibrillatoren hängen, liegt nicht daran, daß in Köl 132 Defibrillatoren gebraucht werden. Und wenn diese nur 8-mal zum Einsatz kamen, zeigt das auch nicht, daß hunderte von Herztoten neben einem Defibrillator verstorben sind.
Die an Wahnsinn grenzende Zahl von Defibrillatoren hängt nicht mit den kardialen Ereignissen zusammen, sondern in erster Linie damit, daß es Mäzene gibt, die sich gerne in der Zeitung sehen. Und was g8ubt es da Besseres, als einen überdimensionalen Scheck in die Luft zu halten für die Kinderkrebshilfe oder eben einen dieser totschicken AED-Geräte, an denen dann - benutzt oder unbenutzt - mitten in der Fuzßgängerzone auch noch "gestiftet von ..." steht.
Geht Werben noch besser?
Warum geht es den Skandinaviern besser?
Weil sie nicht auf Geräte, sondern auf Wissen setzen!
Der augenfälligste Beweis für das Ausbildungsdefizit ist der Kotau vor dem Unvermögen der künstlichen Beatmung. Weil wir verlernt haben zu lernen, wie man mit AMBU-Beuteln umgeht, sieht der Herz-Lunge-Wiederbelebungsalgorithmus nicht mehr 5:1, sondern 30:2 vor.
Begründung, Herzmassage geht im Zweifelsfall immer noch besser als Beatmung.
Noch mal ehrlich! Wenn der Mann oder die Frau auf der Straße keine ordentliche Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen können, wie kann man dann annehmen, daß er oder sie einen Defibrillator einsetzt?
Es ist gut, daß sie da sind.
Aber wir bräuchten sie nicht in der Menge.
Und bevor man sie anschafft - BEVOR man sie anschafft - sollte man ausbilden.
Möglicheweise würden manche Herztodesfälle bei besser ausgebildeten Ersthelfern soger vermieden werden ohne Defibrillator.

Dr.Karlheinz Bayer zum Beitrag »

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