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Ärzte Zeitung, 12.02.2015

Der Patient

Ewiger Verlierer im Gesundheitswesen?

Patientenmitwirkung wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Es scheint fast, als bliebe der Patient der ewige Verlierer. Dabei sind die Errungenschaften, die für Patienten in den vergangenen 15 Jahren erzielt wurden, enorm.

Von Martina Merten

Es ist irgendwie typisch: auf Veranstaltungen, die den Patienten im deutschen Gesundheitswesen zum Thema haben, wird immer wieder gerne eine Studie der WHO zur Patientenzufriedenheit zitiert.

Nach dieser 2009 herausgebrachten Befragung von mehr als 30.000 Teilnehmern aus 21 Ländern in der EU schneidet Deutschland mittelmäßig ab.

20 Prozent der Interviewten sind zwar sehr zufrieden mit dem deutschen Gesundheitswesen, aber ebenso viele sind eher oder sogar sehr unzufrieden.

Die Angaben beziehen sich auf Wartezeiten, Chancen zur Teilhabe an Entscheidungen, Vertraulichkeit, freie Auswahl des Arztes, Behandlung mit Respekt, Kommunikation sowie Information.

Qualitätsmessung ohne Patientennutzen?

Auch Professor David Klemperer von der Technischen Hochschule Regensburg ist davon überzeugt, dass Patienten im Kernbereich der Patientenorientierung, also bei Entscheidungen zu Behandlungen, in den vergangenen Jahren nicht wirklich weiter gekommen sind.

 "Entscheidungen werden mit den Patienten nicht auf der Grundlage evidenzbasierter Informationen getroffen, Präferenzen werden nicht geklärt", glaubt der Gesundheitswissenschaftler.

Was noch immer fehlt, ist nach Ansicht von Klemperer eine gut durchdachte Strategie, die sich an Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe, an Politiker und an die Versorgungsforschung richtet. Dr. Ilona Köster-Steinebach geht noch weiter.

Der Referentin für Gesundheit beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zufolge nutzen all die Qualitätsmessungen im Gesundheitswesen dem Patienten wenig, da sie dessen Bedürfnisse nicht berücksichtigen.

Und Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) kritisieren seit Jahren das fehlende Stimmrecht von Patienten im obersten Entscheidungsgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung.

"Eine Fortentwicklung im Sinne von mehr Bürgerbeteiligung fehlt", bemängelt auch Wolf-Dietrich Trenner, der auf der Patientenbank des GBA sitzt.

All diese Kritik ist zwar berechtigt. Die Frage ist nur: Wird hier nicht auf einem recht hohen Niveau geklagt, wenn man sich die Entwicklungen der vergangenen Jahre anschaut?

Sichtbare Fortschritte

Wirft man einen Blick auf die Neuerungen im Gesundheitswesen, bei denen es um die Situation der Patienten geht, so liegt das Wort Verlierer nicht unbedingt nahe.

Thomas Isenberg, Sprecher für Gesundheit der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, drückt es so aus: "Was in den letzten zehn bis 15 Jahren an Patientenorientierung hinzugekommen ist, ist ein Erfolgsprojekt."

Und der Mann hat offensichtlich Recht. Alles fing 1999 mit der Charta der Patientenrechte an, in der erstmals explizit die Rechte von Patienten beschrieben wurden. Schon ein Jahr später wurden die Krankenkassen verpflichtet, unabhängige Einrichtungen der Patientenberatung finanziell zu fördern.

Einen weiteren großen Durchbruch brachte das GKV-Modernisierungsgesetz (GMG). Seit dessen Inkrafttreten im Januar 2004 gibt es einen Patientenbeauftragten im deutschen Gesundheitswesen.

Und mit dem stets deutliche Worte benutzenden aktuellen Amtsinhaber Karl-Josef Laumann (CDU) haben die Patienten einen Vertreter gefunden, der auch gehört wird.

Seit 2004 sind zudem Interessenvertretungen von Patienten beim GBA angesiedelt. Sie dürfen mitberaten und sie dürfen Anträge stellen - ein wahrer Meilenstein der Patientenmitwirkung. Darüber hinaus gründete sich nur ein Jahr später das Aktionsbündnis Patientensicherheit.

Ein Zusammenschluss aus Ärzten, Pflegern, Patienten und Wissenschaftlern. Das Bündnis wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Es will durch Aufklärungsarbeit auch dazu beitragen, die Zahl vermeidbarer Fehler zu reduzieren.

Gerade beim Thema Behandlungsfehler gibt es zwar noch viele Defizite. Statt offen über Fehler zu sprechen und aus ihnen zu lernen, wird in vielen Fällen nach wie vor eher versucht, sie nur zu vertuschen. Aber die Entwicklung ist insgesamt positiv zu bewerten.

Auch das es seit 2009 das Institut für Patientensicherheit an der Uni Bonn gibt - und damit die erste Forschungsstelle in diesem Bereich in Deutschland, ist ein gutes Zeichen. Aber damit nicht genug.

Über die Zeit etablierten sich viele Portale, die Patienten Informationen zu allen möglichen Fragen anbieten: Patientenquittungen, Patientenverfügungen oder wohin wende ich mich mit Beschwerden?

Bessere Informationen für Patienten bieten inzwischen auch die Qualitätsberichte der Kliniken. Selbst die KBV, die sich lange Zeit dem paternalistischen Arzt-Patienten-Bild mehr verbunden fühlte, richtete vor Jahren eine Stabsstelle Patientenorientierung ein.

Dass es trotz all dieser Fortschritte noch Lücken gibt und Bereiche, in denen Patienten unzureichend mitwirken können oder im Zweifelsfall immer am kürzeren Hebel sitzen, bleibt unbenommen.

Fakt ist aber, dass wir in Deutschland inzwischen über ein System verfügen, in dem der Patient nicht mehr der ewige Verlierer ist. Vielleicht weiß er das nur noch nicht.

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