Ärzte Zeitung, 17.03.2016

Gesundheitsausschuss

Jugendschutz bei Cannabis nicht aufweichen!

Liberale Drogenpolitik als Gefahr für die Prävention: Experten haben Politikern nun ihre Sorgen vorgetragen.

BERLIN. Die von den Grünen geforderte staatlich kontrollierte Abgabe von Cannabis lässt bei vielen Gesundheits- und Rechtsexperten die Alarmglocken schrillen: Sie wiesen bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages am Mittwoch auf die negativen Auswirkungen einer liberalen Drogenpolitik für Prävention und Therapie hin. Einig waren sich die Sachverständigen dabei jedoch nicht.

Der Gesetzentwurf für ein Cannabiskontrollgesetz sieht vor, den Handel und Besitz der Droge für Erwachsene zu ermöglichen. Psychiater und Mediziner warnten jedoch vor einer voreiligen Freigabe der Droge. Sie erinnerten an die gesundheitlichen Risiken für junge Leute und warnten vor einer Aufweichung des Jugendschutzes.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) forderte in ihrer Stellungnahme sogar das Gegenteil, nämlich "geeignete Maßnahmen zur Reduktion von Angebot und Nachfrage".

Befürchtung, Nachfrage könnte steigen

Auch Strafrechtsexperte Jörn Patzak befürchtete, dass mit einer Gesetzesreform die Nachfrage unter Jugendlichen steigen wird. Dies zeige die Entwicklung in den Niederlanden und Tschechien.

Dort habe sich auch gezeigt, dass die erwünschte Eindämmung des Schwarzmarktes nicht erreicht wurde. "Unsere Jugendlichen wollen Hochleistungs-Cannabis", sagte er im Ausschuss. "Dafür finden sie Wege." Der angestrebte Jugendschutz sei ein "Lippenbekenntnis".

Der Sachverständige Professor Kai Ambos von der Universität Göttingen hingegen verwies darauf, dass "eine liberale Drogenpolitik nicht notwendigerweise zu einer Ausweitung des Drogenkonsums führt". Für Deutschland fehlten zwar empirische Belege, er warnte jedoch davor, zu stark in andere Länder zu blicken.

Es sei "nicht seriös", allein von der dortigen Drogenpolitik auf die Prävalenz zu schließen. Die Frage nach den Auswirkungen einer liberalen Drogenpolitik könne allein in einem kontrollierten Modellprojekt beantwortet werden.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) plädierte hingegen für das Einsetzen einer Enquete-Kommission, um offene Fragen wissenschaftlich zu belegen.

Professor Rainer Thomasius verwies auf die USA, wo die Prävalenz mit der Liberalisierung gestiegen sei. So sei im US-Bundesstaat Colorado der Konsum unter Jugendlichen um 39 Prozent höher als die Durchschnittsquote aller US-Bundesstaaten, berichtete der Mediziner.

Die im europäischen Vergleich geringe Nutzung von Cannabis hierzulande deute an, dass sich das deutsche Konzept aus Prävention und Hilfestellung bewährt habe. "Es trifft nicht zu, dass die deutsche Cannabis-Politik gescheitert ist." (jk)

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