Ärzte Zeitung, 01.04.2016

Radikalisierung

Veränderungen sollten aufhorchen lassen

Wenn sich junge Muslime radikalisieren, passiert das meist im Stillen. Treten aber Symptome zu Tage, sollten Ärzte nachfragen - und sich, wenn nötig, Hilfe suchen.

Von Jana Kötter

Veränderungen sollten aufhorchen lassen

Nicht nur Belgien trauert um die Toten des Terroranschläge in Brüssel.

© Alastair Grant / AP Images / dpa

NEU-ISENBURG. Wer sind die Attentäter von Brüssel? Diese Frage beschäftigt auch zehn Tage nach den Terroranschlägen, bei denen mindestens 35 Menschen getötet und über 300 verletzt wurden.

Zwei von ihnen, die Brüder El Bakraoui, waren bereits als gewöhnliche Kriminelle aufgefallen. Die islamistische Radikalisierung hingegen blieb scheinbar unbeobachtet.

Dabei hätte das womöglich nicht sein müssen. "Es gibt im Radikalisierungsprozess deutliche Symptome, die aufhorchen lassen sollten", erklärt Florian Endres. Er leitet die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamts für Migration.

Mehr als 2300 Telefonate haben er und sein Team seit der Gründung 2012 geführt. Neben Angehörigen wenden sich auch immer wieder Ärzte an die Beratungsstelle, die bei ihren Patienten auffällige Veränderungen festgestellt haben.

"Am Anfang missionieren Betroffene stark"

Am deutlichsten sei wohl die Abgrenzung vom bisherigen Leben. Bei muslimischen Patienten könne das - vor allem gegenüber muslimischen Ärzten - etwa die Tatsache sein, dass zunehmend Distanz aufgebaut wird, sollte der Mediziner aus Sicht des Patienten nicht salafistisch orientiert und somit ein "Ungläubiger" sein.

Auch Gespräche über Paradies und Hölle sollten aufhorchen lassen. "In der Beobachtung der Weltpolitik können auch Ansätze von Verschwörungstheorien hinzukommen", erklärt er.

Sätze wie "Der Islam ist weltweit unterdrückt und wird von Ungläubigen oder ,dem Westen‘ angegriffen" sollten von Bezugspersonen und Ärzten dazu genutzt werden, das Gespräch zu suchen und die Ansicht zu hinterfragen.

"Gerade am Anfang missionieren die Betroffenen stark. Da kann es helfen, zu fragen, was das Gegenüber an der Thematik so interessiert." Rein äußerlich sei lediglich meist der Bartwuchs sowie bei Frauen zunehmende Vollverschleierung zu beobachten.

"Den ,typischen‘ Fall eines Radikalisierten gibt es aber nicht", betont der Politikwissenschaftler. Nichtsdestotrotz seien Muster auszumachen: So etwa ein Durchschnittsalter von 18 Jahren und Ähnlichkeiten in den Faktoren, die üblicherweise zu einer Radikalisierung führen. "Nur die Gemengelage unterscheidet sich von Fall zu Fall."

Allen gemein sei, dass der Betroffene eine bestimmte Aufgabe in der persönlichen Entwicklung nicht lösen könne - etwa Probleme in der Schule oder der Familie.

"Das Bedeutende am Salafismus ist aber, dass er vergleichsweise offen ist." Die Ideologie trete an der schwachen Stelle ins Leben und fülle die gefühlte Lücke - wie es etwa auch Rechtsextremismus oder Sekten tun.

Durch diese Offenheit könne das Phänomen prinzipiell für jeden "geeignet" sein, auch für nicht-gebürtige Muslime oder Personen aus allen Schichten.

Beratungsangebote nutzen

Stellen Bezugspersonen wie Angehörige, Lehrer oder Ärzte Veränderungen fest, so könne es hilfreich sein, Beratungsangebote wahrzunehmen, sagt Endres.

Auch Kriminalpsychologin Katrin Streich betont im Interview: "Die einzige Möglichkeit ist, in einer frühen Phase einzugreifen. Sind die radikalisierten Menschen erst einmal Teil der Gesellschaft, können sie nur noch zufällig gefunden werden."

Hinzu kommt, dass nur selten eine "Heilung" möglich ist: Seit 2012 hat die Bundesstelle 950 Beratungskonstellationen betreut.

Die Beratungsstelle Radikalisierung setzt dabei auf einen psychologisch begleiteten Ansatz, der im sozialen Umfeld ansetzt: Gemeinsam mit Schulen, Familie, Freunden und Vereinen wird ein dichtes Netz gestrickt, um den Prozess umzukehren. Weltweit liefert das Vorgehen die erfolgreichsten Zahlen, betont Endres.

Ein Viertel der Fälle gelte heute als abgeschlossen, so Endres. "Bei manchen kann es durch Einschnitte im Leben jedoch immer wieder zu Rückfällen und einem neuerlichen Abrutsch in die Szene kommen."

Die Beratungsstelle Radikalisierung ist montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr unter 0911 9434343 erreichbar.

[01.04.2016, 12:09:07]
Dipl.-Psych. Christina Sauer 
Diagnostisch-Therapeutisches Netzwerk Extremismus von Psychologen und Psychotherapeuten
Folgender Link könnte für Fachkräfte interessant sein:
www.dne-deutschland.de

Das „Diagnostisch-therapeutische Netzwerk Extremismus (DNE)“ reagiert auf den psychologischen Interventionsbedarf, der aus der Verstrickung von Individuen, Familien oder Gruppen in Radikalisierungsprozesse herrührt. Um einen Beitrag zur Deradikalisierung zu leisten, unterstützt DNE die Familienberatungsstelle HAYAT (die Teil des im Artikel erwähnten BAMF-Netzwerkes Radikalisierung ist) sowie die Aussteigerinitiative EXIT Deutschland sowie deren Partner der Deradikalisierungsarbeit praktisch in der Fallbetreuung, sofern ein besonderer psychologischer Bedarf sichtbar wird.

Die Angebote des DNE richten sich explizit auch an psychosoziale sowie psychotherapeutisch und psychiatrisch tätige Berufsgruppen, die Familien oder Klienten in Prozessen von Deradikalisierung und Ausstieg aus Extremismus und Gewalt im Rahmen der Regelversorgungsangebote begleiten. zum Beitrag »

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