Ärzte Zeitung, 13.05.2016

Gesundheitswissenschaftlerin

Aktionsplan soll zu mehr Gesundheitswissen führen

Vor allem bildungsferne Jugendliche, Ältere und Migranten sind in gesundheitlichen Fragen wenig kompetent. Ein Nationaler Aktionsplan soll gegensteuern.

BERLIN.  Bildungsferne Jugendliche und Ältere tun sich mit dem Verstehen und Beurteilen von Gesundheitsinformationen besonders schwer. Das zeigt eine aktuelle Studie der Uni Bielefeld.

Angesichts der Studienergebnisse fordert die Professorin und Studienleiterin Doris Schaeffer, künftig Gesundheitskompetenzen intensiver zu fördern und zu vermitteln. Insbesondere seien Jugendliche an Haupt- und Förderschulen, Ältere sowie Menschen mit Migrationshintergrund darin zu schulen.

Die Gesundheitswissenschaftlerin arbeitet aktuell mit weiteren Experten an einem Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz, dessen Eckpunkte an diesem Freitag gemeinsam mit Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vorgestellt werden.

Darin soll konkret definiert werden, wie die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu steigern ist, sagte Schaeffer der "Ärzte Zeitung".

Für die Studie, deren Ergebnisse der "Ärzte Zeitung" vorab vorlagen, waren 500 Jugendliche, die höchstens einen Hauptschlussabschluss hatten, sowie 500 Senioren zwischen 65 und 80 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund befragt worden. Für beide Befragtengruppen ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner in Gesundheitsfragen.

"Der Hausarzt hat nach wie vor ein hohes Ansehen. Etwa drei Viertel der Jugendlichen und etwa 90 Prozent der Älteren nannten ihn als erste Adresse bei gesundheitlichen Problemen", berichtet Schaeffer. Bei den Jugendlichen folgen Familien und Internet als weitere Ansprechpartner, bei den älteren Befragten die Apotheke und der Facharzt.

Häufig Unwissenheit

Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen hatte schon 2012 angemahnt, die Gesundheitskompetenz vor allem bei den benachteiligten Gruppen zu stärken.

Schließlich sei davon auszugehen, dass jene, die Gesundheitsinformationen kompetent finden, verstehen, beurteilen und anwenden können, auch über eine bessere Gesundheit verfügten.

Die Bielefelder Studie belegt nun, dass bildungsferne Jugendliche und ältere Menschen in gesundheitlichen Fragen in der Tat weniger kompetent sind als die Allgemeinbevölkerung. So wusste jeder zehnte Jugendliche nicht, an wen er sich bei gesundheitlichen Sorgen wenden könnte.

Unter den 65- bis 80-Jährigen war es jeder Vierte, bei Migranten sogar nur jeder Dritte. Auch jene Senioren, die ihre Gesundheit als schlecht einstuften, gaben an, nicht zu wissen, an wen sie sich damit wenden könnten.

Jüngere wie auch Ältere mit einer niedrigen Gesundheitskompetenz greifen seltener zu Obst und Gemüse und häufiger zu Süßigkeiten. Sie sind körperlich weniger aktiv als jene mit höherer Gesundheitskompetenz.

Wie sehr die eigene Gesundheitskompetenz ausgebildet wird, hängt bei den bildungsfernen Jugendlichen vor allem vom Bildungsniveau der Eltern ab, bei den Älteren von den besuchten Schuljahren, dem Einkommen und ob ein Migrationshintergrund vorhanden ist oder nicht.

Mehr Zeit für Patientengespräche gefordert

Die Zuwanderer schneiden in den beiden befragten Gruppen am schlechtesten ab: Etwa drei Viertel der bildungsfernen Jugendlichen mit Migrationshintergrund konnten die erfragten Situationen kaum oder nur schwer einstufen.

Die Gruppe mit der niedrigsten Gesundheitskompetenz sind die älteren Migranten. Nur zwei Prozent verfügt über eine exzellente und 16,4 Prozent über eine ausreichende Gesundheitskompetenz.

Mit Blick auf das Gesundheitssystem fordert Schaeffer, die Arzt-Patienten-Kommunikation auf unterschiedlichen Ebenen zu verbessern. Ärzte sollten sich mehr Zeit für Patientengespräche nehmen und vielfältige Informationen bereit halten. So könnten Wartezimmer besser genutzt werden, um gezielt zu informieren.

Außerdem sei es wichtig, die Orientierung im Gesundheitswesen für die Nutzer zu erleichtern. "Dazu sind neue Versorgungsmodelle wie beispielsweise lokale Gesundheitszentren sinnvoll, in denen Gesundheits- und Sozialberufe an einem Ort in multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten", sagt Schaeffer. (wer)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

So schädlich fürs Herz wie Cholesterin

Depressionen steigern bei Männern das Risiko fürs Herz ähnlich stark wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das ergab eine aktuelle Analyse der KORA-Studie. mehr »

Den Berg im eigenen Tempo erklimmen

Medizinstudentin Solveig Mosthaf fühlt sich im Studium manchmal, als würde sie einen steilen Berg hinauf kraxeln. Sie wünscht sich mehr Planungsfreiheit – und die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. mehr »

Positive HPV-Serologie bringt bessere Prognose

Bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumor ist eine positive HPV-16-Serologie mit einem verbesserten Überleben assoziiert. Das bestätigt jetzt eine US-Studie. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Fünf-Jahres-Überleben sogar 67 Prozent höher. mehr »