Ärzte Zeitung, 12.09.2016

Bertelsmann-Studie

15 Prozent aller Kinder leben in Armut

Immer mehr Kinder leben in Familien, die von Harz IV abhängig sind. Das hat gravierende Folgen.

15 Prozent aller Kinder leben in Armut

Der Anteil der jungen Menschen, deren Familie von Sozialleistungen lebt, unterscheidet sich von Region zu Region stark.

© photos.com PLUS

GÜTERSLOH. Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs leben in Deutschland mehr Kinder in Armut. Der Anteil der jungen Menschen, deren Familie von Sozialleistungen lebt, sei jedoch regional sehr unterschiedlich, teilte die Bertelsmann-Stiftung am Montag mit.

Den Berechnungen zufolge kletterte die Quote der unter 18-Jährigen in Hartz-IV-Haushalten in den westlichen Ländern von 12,4 Prozent im Jahr 2011 auf 13,2 Prozent im Jahr 2015.

Im Osten sank der Anteil armer Kinder im selben Zeitraum zwar um 2,4 Punkte, blieb aber mit 21,6 Prozent vergleichsweise hoch. Damit wuchsen vergangenes Jahr in Deutschland insgesamt mehr als 1,9 Millionen Kinder in Armut auf (14,7 Prozent) - 52.000 mehr als noch im Vorjahr.

Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender die Folgen

Sorgen bereitet den Forschern, dass eine Mehrheit der betroffenen Kinder über längere Zeit in der Armut feststeckt: Im Schnitt sind 57,2 Prozent der betroffenen Kinder zwischen sieben und 15 Jahren mehr als drei Jahre auf Grundsicherungsleistungen angewiesen.

"Je länger Kinder in Armut leben, desto gravierender sind die Folgen", sagte Anette Stein, Familienpolitik-Expertin der Bertelsmann-Stiftung. So zeige die Auswertung vieler Studien, dass arme Kinder sozial isolierter aufwachsen, gesundheitliche Nachteile haben und häufiger Probleme auf ihrem Bildungsweg haben als Altersgenossen, deren Eltern keine finanziellen Sorgen haben.

Das höchste Armutsrisiko hat der Nachwuchs von Alleinerziehenden oder aus kinderreichen Familien. Mit fast einer Million wächst mehr als die Hälfte aller Kinder im Hartz-IV-Bezug bei nur einem Elternteil auf.36 Prozent leben mit zwei oder mehr Geschwistern.

In Städten ist die Armut stärker ausgeprägt

Kinderarmut ist dabei ein Problem, das in Städten erheblich stärker ausgeprägt ist als in ländlicheren Regionen, wie die Experten hervorheben. Darin spiegelten sich auch die wirtschaftliche Lage, etwa ein generelles Nord-Süd-Gefälle, sowie strukturelle Probleme innerhalb der Länder.

So gibt es Städte, in denen mehr als jedes dritte Kind in einer Familie aufwächst, die auf staatliche Grundsicherung angewiesen ist.

Deutsches Kinderhilfswerk fordert Strategien

Beim Negativspitzenreiter Bremerhaven liegt die Quote der Familien mit Grundsicherung bei 40,5 Prozent. Es folgen Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) und Berlin (32,2 Prozent). Bayern und Baden-Württemberg haben mit 6,8 Prozent und 8,0 Prozent die niedrigsten Anteile in ganz Deutschland.

Angesichts der hohen Zahl von Kindern mit Hartz-IV-Bezug fordert das Deutsche Kinderhilfswerk eine umfassende Strategie dagegen. "Die Studie der Bertelsmann-Stiftung ist ein erneuter Weckruf an die Bundesregierung, die dem Thema Kinderarmut nicht die nötige Aufmerksamkeit widmet", sagte Kinderhilfswerk-Präsident Thomas Krüger.

Strukturelles Problem

Nötig seien eine Kinder-Grundsicherung, bessere Möglichkeiten gesunden Aufwachsens und frühkindlicher Bildung sowie mehr Bildungsgerechtigkeit in der Schule. Für Alleinerziehende sei auch der Ausbau der Betreuungsangebote wichtig, damit sie mit Erwerbsarbeit ihre Kinder selbst ernähren könnten.

Zudem sollten Alleinerziehende nicht wie Singles besteuert werden. Der Unterhaltsvorschuss und der Kinderzuschlag sollten ausgeweitet werden, verlangte Krüger.

"Die Tatsache, dass trotz guter konjunktureller Rahmendaten die Kinderarmut in Deutschland auf einem skandalös hohen Niveau verharrt, macht deutlich, dass wir ein strukturelles Problem haben, dem Politik und Gesellschaft mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kompetenzen entgegentreten müssen." (dpa)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »