Ärzte Zeitung, 11.06.2008

Arzneifälschungen gefährden Gesundheit

Apotheker warnen vor unsicheren Bezugsquellen, vor allem im Internet / Nicht nur ein Problem bei Lifestyle-Arzneien

BERLIN (HL). Die Apotheker warnen vor wachsenden, in seltenen Fällen sogar tödlichen Gesundheitsgefahren durch Arzneimittelfälschungen. Die häufig aus dem asiatischen Raum stammenden Falsifikate betreffen nicht nur Lifestyle-Arzneimittel, sondern auch Medikamente gegen Krebs, Infektionen und HIV/AIDS. Patienten erwerben sie meist über dubiose Quellen im Internet.

 Arzneifälschungen gefährden Gesundheit

Echt oder gefälscht? Mit dem Auge ist das nicht zu erkennen - erst eine chemische Analyse bringt Klarheit.

Foto: fotolia.de

Die brisante Entwicklung ist für die Bundesapothekenkammer Anlass, darauf hinzuweisen, dass nur der Verkauf über deutsche Apotheken und in Deutschland zugelassene Versandhandels-Apotheken einen hohen Schutz vor Fälschungen garantiert. So habe das Bundeskriminalamt zwischen 1996 und 2007 nur 38 Fälle von Arzneimittelfälschungen in der legalen Vertriebskette festgestellt.

International sieht dies völlig anders aus, so Professor Manfred Schubert-Zsilavecz vom Zentrallaboratorium der Apotheker. Die Weltgesundheitsorganisation erwartet für 2010 einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar mit Arzneifälschungen. Die EU-Kommission berichtet, dass allein 2006 an den EU-Außengrenzen 2,7 Millionen Packungen gefälschter Medikamente beschlagnahmt worden sind - ein Plus von 384 Prozent zum Vorjahr. Ein Eldorado für Falsifikate sind Entwicklungs- und Schwellenländer: In Afrika ist jede zweite Pille gefälscht, in Lateinamerika und Südostasien jede Dritte. Auch Russland, Belarus und die Ukraine gelten als unsicher.

Fälschungen gibt es in vielen Varianten: kein Wirkstoff, falscher Wirkstoff, richtiger Wirkstoff in zu hoher oder zu niedriger Dosierung, Beimengungen mit toxischen Wirkungen; als Fälschung gelten aber auch umverpackte Ware, gefälschte Blister, Verlängerung des Verfallsdatums oder verfälschte Beipackzettel.

Nach Erkenntnissen der Europäischen Kommission sind es nicht nur Lifestyle-Arzneimittel, mit denen Fälscher ihre Geschäfte machen. Von größerer Bedeutung sind inzwischen Arzneimittel gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und psychiatrische Erkrankungen.

Grundsätzlich gilt, dass der Endverbraucher selbst kaum einschätzen kann, ob er eine Fälschung gekauft hat, auch dann nicht, wenn er das Original kennt. Im Verdachtsfall, so rät Apotheker-Präsidentin Magdalena Linz, sollte der Betroffene sich einem Apotheker offenbaren. Er werde das verdächtige Präparat an das Zentrallaboratorium zur Analyse weiterleiten.

Dringend rät Linz den Patienten, Arzneimittel möglichst nur in einer deutschen Offizin oder in einer deutschen Versandhandelsapotheke zu kaufen. Im Unterschied dazu gelten nach ihrer Einschätzung für die legalen Versandhändler aus den Niederlanden und Großbritannien nicht die gleichen Sicherheitsstandards wie für Versandapotheken am Standort Deutschland.

Kriminelle Markenpiraterie, die ein Risiko für die Gesundheit darstellen und die überdies die Wirtschaft schädigen kann, hat inzwischen auch die EU-Kommission alarmiert. Sie bereitet gegenwärtig eine Gesetzinitiative vor, mit der Arzneimittelfälschung effektiver bekämpft werden soll.

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