Ärzte Zeitung, 25.06.2008

EU-Kommissar kritisiert Schmidt scharf

Industriekommissar Günter Verheugen: Europas Gesundheitspolitiker fürchten sich vor dem mündigen Patienten

BERLIN (ble). Ungeachtet von Kritik aus den Mitgliedsstaaten und dem Europaparlament hält der Industriekommissar der Europäischen Union, Günter Verheugen, daran fest, Pharma-Unternehmen zu ermöglichen, Patienten direkt über ihre Produkte zu informieren.

 EU-Kommissar kritisiert Schmidt scharf

Will Pharmafirmen Produktinfos für Laien erlauben: EU-Industriekommissar Günter Verheugen.

Foto: dpa

"Ich bin der Meinung, dass der Patient das Recht hat, zu erfahren, was es an Angeboten gibt, die ihm helfen können, und auch darüber mitzureden, was für ihn das Beste ist", sagte Verheugen auf der Hauptversammlung des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) in Berlin. Niemand habe das Recht, den Bürgern gerade in so einem zentralen Lebensbereich wie der Gesundheit Informationen vorzuenthalten.

Viele Patienten informierten sich bereits heute auf Internetseiten von Anbietern außerhalb der EU über Innovationen, sagte Verheugen. Dabei seien die Grenzen zwischen Information und Werbung für Viele nur schwer zu erkennen. Zudem könnten sich momentan nur jene Menschen über Arzneien informieren, die Zugang zum Internet hätten und Englisch könnten.

Viele Patienten fragten ihre Ärzte daraufhin: "Warum kriege ich das nicht?", so Verheugen. "Diese Frage: ,Warum kriege ich das nicht?‘, das ist die Frage, die die Gesundheitsminister erschreckt", sagte er. Die Gesundheitspolitiker der Mitgliedsstaaten wollten keine Patienten, die nach dem besten Produkt fragten.

Verheugen sagte, er werde im Herbst einen Gesetzesvorschlag zur Produktinformation vorlegen. Er habe sich entschlossen, diese Auseinandersetzung zu führen. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt warf er indirekt vor, Pharma-Unternehmen des Betrugs an den Patienten zu bezichtigen, indem sie "ethische Gründe" für ihre Ablehnung zur Produktinformation anführe.

"Die Gesundheitsministerin eines großen europäischen Landes hat mit großer Geste erklärt: ‚Mein Land wird es selbstverständlich aus ethischen Gründen niemals erlauben, dass Informationen direkt vom Hersteller zum Patienten gelangen.‘ Mit anderen Worten, sie unterstellt Ihnen, dass Sie mit Ihren Informationen die Leute betrügen wollen", so Verheugen an die Adresse der BPI-Unternehmer. In Wahrheit stecke dahinter die Angst, der informierte Patient könnte sich nicht damit zufriedengeben, was sich die Gesundheitsbürokratie für ihn ausgedacht habe.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »