Ärzte Zeitung, 20.08.2008

AOK öffnet sich für die Phytotherapie

Zurück zur Natur - ein Paradigmenwechsel? / Mit neuen Wahltarifen stellt sich die Kasse dem Wettbewerb

INCA/MALLORCA. Mit Blick auf den Gesundheitsfonds rüsten sich die Kassen für den Wettbewerb. Beispiel AOK: Sie will im kommenden Jahr ihr Vertragsgeschäft noch weiter ausbauen. Dabei setzt die Kasse auf Qualität und Wettbewerb und ist auf der Suche nach geeigneten Partnern. Zum Konzept gehört es, die Wünsche und Bedürfnisse der Versicherten aufzunehmen, wie etwa die Naturmedizin: Hier bietet die AOK demnächst einen eigenen Wahltarif an. AOK-Vorstand Dr. Hans-Jürgen Ahrens: "Phytomedizin ist im Trend".

Von Wolfgang van den Bergh

aok öffnet sich für die phytotherapie

Auf der Suche nach Partnern für das AOK-Vertrageschäft: Dr. Hans-Jürgen Ahrens.

Foto: Schulten

Warum Phytomedizin im Trend liegt, begründete Hans-Jürgen Ahrens beim Bionorica-Symposium "Zurück zur Natur - Paradigmenwechsel in der Medizin" auf Mallorca mit zwei Zahlen. Laut Infratest wünschten sich 62 Prozent der GKV-Versicherten, dass Krankenkassen einen Wahltarif für die Übernahme von Phytotherapeutika anbieten, so der Kassenchef. Darüber hinaus hätten immerhin 83 Prozent der vor allem jungen Ärzte eine positive Einstellung zur Naturmedizin. Das zeige eine Studie der internationalen Gesellschaft für Prävention.

Diesem Trend wolle man nun stärker Rechnung tragen. Und dazu setze die AOK auf Partner, die bereit seien, "unsere Qualitätsstandards zu erfüllen", so der Kassenchef zur "Ärzte Zeitung". Das gelte für Ärzte, aber auch für Unternehmen. Mit Bionorica habe die AOK einen Partner gefunden, der sich dem Qualitätsnachweis stellt, so Ahrens weiter.

Bionorica-Chef Professor Michael Popp zeigt sich überzeugt: "Moderne rationale Phytopharmaka sind in ihrer pharmazeutischen Qualität und ihrer Wirksamkeit chemisch-synthetischen Medikamenten mindestens gleichzusetzen." Daher drängt er auf Chancengleichheit. Durch "Phyto- neering" habe man einen Quantensprung in der Pharmazie erreicht. Phytoneering steht bei Bionorica für die Entschlüsselung der Wirkmechanismen von Pflanzen auf der Grundlage wissenschaftlicher Nachweisverfahren, so Popp.

aok öffnet sich für die phytotherapie

Setzt auf wissenschaftliche Belege bei der Wirkung von Phytopharmaka: Prof. Michael Popp.

Foto: Bionorica

Konkret bedeutet das, so der Unternehmenschef, die Wirkstoffkomplexität der Heilpflanzen zu erforschen, eigenes Saatgut zu entwickeln, Pflanzenanbau zu standardisieren, klinische Studien aufzulegen und internationale Kooperationen mit Kliniken und Universitäten einzugehen. Allein in diesem Jahr sollen dafür die Forschungs- und Entwicklungsausgaben um über 30 Prozent steigen, bei einem Umsatzziel von über 135 Millionen Euro.

Mehr Transparenz und echter Wettbewerb

Popp bezeichnete es als "politische Fehlsteuerung", dass Phytopharmaka mit dem Gesundheitssystem-Modernisierungsgesetz (GMG) aus der Erstattung der Kassen herausgenommen worden sind. Das habe dem Image der Phytopharmaka sehr geschadet. Für die Zukunft fordert Popp mehr Transparenz und die Möglichkeit, Verbrauchern gegen- über zu deklarieren, dass es sich bei bestimmten pflanzlichen Arzneimitteln um pharmakologisch und klinisch geprüfte Spezialextrakte handelt. Dazu bedürfe es gesetzlicher Regelungen, die nach Ansicht des Unternehmers zügig umgesetzt werden sollten.

Popp: "Warum wir heute in Osteuropa und vor allem in Russland so erfolgreich sind, liegt zum Teil auch daran, dass wir dort gleiche Wettbewerbsbedingungen für chemisch-synthetische Medikamente und für Phytotherapeutika haben. Ärzte und Patienten entscheiden daher nach rationalen Kriterien: Wirksamkeit, Sicherheit, Unbedenklichkeit und Kosten."

Immer mehr Menschen setzen auf die Kräfte der Naturmedizin.

Mit Blick auf weitere Aktivitäten im Arzneimittelbereich schlägt Ahrens eine Art kassenartenindividuelles Positivlisten-System vor. Zudem sollen Kassen nach Vorstellung des AOK-Chefs nicht mehr alle Medikamente eines bestimmten Wirkstoffes bezahlen, "sondern für einen Wirkstoff mit nur einem Hersteller einen Vertrag aushandeln", wobei nicht substituierbare Arzneien weiterhin erstattet werden sollen. Dies würde den Spielraum für Verhandlungen über Preis, Menge und Qualität deutlich erweitern, so Ahrens.

Mit den Rabattverträgen sei ein erster Schritt in diese Richtung unternommen worden. Angesichts der rechtlichen Auseinandersetzungen mit Herstellern fordert Ahrens Klarheit über die Modalitäten bei Ausschreibungen.

Tarif Naturarznei

Für den Wahltarif können sich einzelne Versicherte einschreiben - mitversichert sind Kinder ab dem 12. Lebensjahr. Die Vertragslaufzeit besteht drei Jahre. Die monatliche Prämie für einen 30-Jährigen liegt bei 7,50 Euro. Bei jährlicher Rezepteinreichung werden 90 Prozent erstattet. Der Jahresrechnungshöchstbetrag wird bei 200 Euro festgelegt.Voraussetzung ist, dass der Arzt die Naturarznei auf (grünem) Rezept verordnet. Die Abgabe erfolgt durch Apotheker oder im Rahmen des nach deutschem Recht zulässigen Versandhandels. (vdb)

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