Ärzte Zeitung, 21.10.2008

Budgets und Bürokratie rauben die Freiheit

Die heute noch gute ambulante Versorgung steht auf der Kippe: Der Verlust an ärztlicher Therapiefreiheit, der Einfluss fremder Mächte im Gesundheitswesen und ein Wust an Bürokratie vergällen Ärzten den Beruf und gefährden die Qualität.

Nichtärztliche Institutionen bestimmen die Verordnungsfähigkeit von Arzneien.

Von Helmut Laschet

Das ist die eigentliche gute Nachricht: Aus der Sicht der niedergelassenen Ärzte ist die Versorgung der Patienten in ihrer jeweiligen Region heute ganz überwiegend (74 Prozent) gut. Trotz vielfältiger bürokratischer Gängelungen und stark eingeschränkter Therapiefreiheit haben die meisten Patienten noch einen guten Zugang auch zu innovativen Arzneimitteln.

Doch das kann sich in Zukunft dramatisch ändern. Denn die schlechte Nachricht einer Umfrage im Auftrag des NAV-Virchowbundes und des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) ist die Furcht der Ärzte, dass es in den nächsten zehn Jahren zu einer dramatischen Erosion der Versorgungsqualität kommen kann.

Last und Lust im Arztberuf - Hilfe für Patienten leidet unter Stress und Bürokratie.

Mehrheitlich sind die Ärzte der Meinung, dass Patienten mit Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Asthma, Krebs, HIV und Diabetes die notwendigen innovativen Arzneimittel erhalten. Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Das sind die Indikationen Depression und vor allem Demenz. Nur 20 Prozent der Ärzte meinen, Demenzkranke hätten Zugang zu innovativen Arzneien, über 40 Prozent verneinen dies.

"Das Gesundheitssystem krankt an einem Wust undurchschaubarer und sich widersprechender Regelungen."
Cornelia Yzer
Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller

VFA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer sieht darin ein Alarmsignal, Vorboten einer gefährlichen Weichenstellung: "Krankheiten mit Lobby und Krankheiten ohne eine solche und im nächsten Schritt Versorgung mit Innovationsvorfahrt und Versorgung mit Innovationsbremse."

Dies mag damit zusammenhängen, dass ärztliche Therapieentscheidungen immer stärker politisch oder von Institutionen der Selbstverwaltung oder der Politik beeinflusst werden. Dass in Deutschland ärztliche Therapiefreiheit gewährleistet ist, glaubt nämlich nur noch eine Minderheit von 27 Prozent - 73 Prozent verneinen dies. Eine Ausnahme bilden nur die Onkologen, bei denen sich die Einschätzungen zur Therapiefreiheit mit 49 zu 51 Prozent fast die Waage halten.

Negativ beeinflusst wird die Entscheidungsautonomie der Ärzte von Kostendruck und Budgetierung, vom Einfluss der Krankenkassen, in geringerem Maße vom Einfluss des Gesetzgebers und der Bundesregierung. 54 Prozent der Ärzte können überhaupt keine positiven Einflüsse erkennen.

Danach gefragt, welche Instrumente den Einsatz innovativer Arzneimittel beeinflussen, werden Budgetierung/Richtgrößen und Verwaltungsaufwand als die größten Hindernisse genannt. Es folgen Rabattverträge, Praxisgebühren und Versorgungszentren, die ebenfalls als hinderlich für den Einsatz innovativer Arzneimittel genannt werden. Hausarztmodelle werden unterschiedlich beurteilt - die Hausärzte selbst erkennen die Chance, offenbar stärker Innovationen einzusetzen, Fachärzte befürchten das Gegenteil.

"Die Regulierung ist diffus und erzeugt Bedrohung. Das führt zu Burn-out und zu frühem Berufsausstieg."
Dr. Klaus Bittmann
Vorsitzender des NAV-Virchowbundes

Geradezu frappierend ist, in welchem Ausmaß Ärzte sich bei Verordnung innovativer Arzneien als fremdbestimmt ansehen: Nur 26 Prozent sagen, sie selbst haben den größten Einfluss; 92 Prozent wollen diese Selbstbestimmung. Die stärkste Fremdbestimmung (79 Prozent) geht von den Krankenkassen aus, gefolgt vom Bundesausschuss (70 Prozent) und vom Gesundheitsministerium (68 Prozent). Aber nur Minderheiten der Ärzte möchten diesen Institutionen einen Einfluss darauf zubilligen, ob innovative Arzneimittel verordnungsfähig sein sollen.

Die Diagnose, die Cornelia Yzer und Dr. Klaus Bittmann vom NAV-Virchowbund daraus ableiten, ist: Überregulierung. Bittmann: "Wenn man die letzten 30 Jahre fortschreibt, dann sind die Befürchtungen der Ärzte berechtigt." Entscheidend komme es nun darauf an, wie Ärzteverbünde und Netzstrukturen entwickelt werden können, in denen Ärzte auf regionaler und lokaler Ebene als Selbsthilfeeinrichtungen zentralistische Eingriffe ersetzen.

Die Meinung niedergelassener Ärzte

Im Auftrag des NAV-Virchowbundes und des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller hat TNS Healthcare vom 23. Juli bis zum 13. August 802 niedergelassene Ärzte zur Qualität der ambulanten Versorgung, zum Einsatz innovativer Arzneimittel, zu Beeinträchtigungen der Therapiefreiheit und zur Berufssituation befragt. Die Stichprobe ist repräsentativ für alle niedergelassenen Ärzte. Befragt wurden dabei insgesamt 500 Allgemeinärzte, Praktiker und hausärztliche Internisten, ferner 302 niedergelassene Fachärzte, und zwar etwa je 60 Ärzte aus den Fachgruppen Gynäkologie, Urologie, Dermatologie, Neurologie und Onkologie. Die Befragung wurde als Online-Interview auf Basis des TNS Ärzte Panels durchgeführt.

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