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Ärzte Zeitung, 31.10.2008

Krankheiten mit oder ohne Lobby - für Demenzkranke gibt es eine Innovationsbremse

Die meisten Patienten haben in Deutschland noch einen relativ guten Zugang zu innovativen Medikamenten. Aber es gibt Ausnahmen - vor allem für Menschen mit Depressionen und Demenz.

Von Helmut Laschet

,"Es gibt eine immer größere Differenz zwischen dem, was dem Arzt möglich ist, und dem, was ihm ermöglicht wird." Dr. Klaus Bittmann Vorsitzender des NAV-Virchowbundes

BERLIN. Werden kranke Menschen in Deutschland wegen bestimmter Krankheiten diskriminiert? Eindeutig ja, sagen niedergelassene Ärzte, die im Sommer dieses Jahres in einer Repräsentativstichprobe im Auftrag des NAV-Virchowbundes und des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller befragt worden sind.

Obwohl sich heute fast eine Drei-Viertel-Mehrheit der Ärzte - mit Ausnahme der Onkologen - in ihrer Therapiefreiheit eingeschränkt sieht, glaubt doch durchweg jeder zweite Arzt, dass therapeutischer Fortschritt bei den Patienten ankommt. Das gilt in ähnlicher Weise auch für die Frage, ob gesetzlich versicherte Patienten Zugang zu innovativen Arzneimitteln haben.

Gut versorgt: Patienten mit Herz-Kreislauf-Krankheiten

Am günstigsten schätzen Ärzte die Versorgungslage für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein. 61 Prozent sagen, die Fortschritte in der Medizin erreichten schließlich auch die Patienten.

Nur eine Minderheit von zehn Prozent glaubt, dass das nicht der Fall ist. Etwas zurückhaltender beurteilen die Mediziner, ob den Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch moderne Medikamente zur Verfügung stehen. 53 Prozent sagen ja, 16 Prozent sagen nein.

Ähnlich gut wie Patienten mit kardiologischen Problemen sind nach Einschätzung der niedergelassenen Ärzte Asthma-Patienten versorgt. 59 Prozent glauben, dass der therapeutische Fortschritt für die Patienten wirksam wird, 51 Prozent halten den Zugang zu innovativen Arzneimitteln für gewährleistet.

Auch hier sind es nur kleine Minderheiten von Ärzten, die meinen, dass ihre Patienten nicht mit den modernen Methoden der Medizin versorgt werden.

"Es gibt eine gefährliche Tendenz, Krankheiten wie Depression oder Demenz zu verdrängen oder zu verschweigen." Cornelia Yzer Hauptgeschäftsführerin des VFA

Ähnlich gut wird auch die Versorgung von Patienten mit Krebs und HIV von den Ärzten eingeschätzt. Dies kann aber auch damit erklärt werden, dass es sich dabei um eine Versorgung durch wenige Spezialisten handelt und Eingriffe von außen meist an mangelnder Kompetenz scheitern, etwa durch Medizinische Dienste oder Prüfgremien von Krankenkassen und KVen.

Anders sieht dies schon bei der sehr breiten Indikation Diabetes aus. Hier wird die Versorgungslage von den niedergelassenen Ärzten nicht mehr als durchweg positiv eingeschätzt.

Jeder zweite Arzt glaubt, dass seinen Diabetes-Patienten der medizinische Fortschritt zur Verfügung steht, nur 42 Prozent glauben, dass diese Patienten auch guten Zugang zu innovativen Arzneimitteln haben.

Angesichts der anhaltenden Diskussion um moderne Insulinanaloga, deren zusätzlicher Nutzen für Patienten unter Alltagsbedingungen von Institutionen wie dem IQWiG als nicht belegt angesehen wird, muss das nicht verwundern. Jeder fünfte Arzt meint denn auch, GKV-Patienten mit Diabetes hätten nur sehr schwer Zugang zu innovativen Arzneimitteln.

Besonders schlecht schätzen Ärzte die Versorgung von Menschen mit Depressionen und mit Demenz ein. Nur 35 Prozent der Ärzte glauben, dass depressive Kranke mit modernen Medikamenten versorgt werden, 24 Prozent glauben, sie hätten keine Möglichkeit, innovative Arzneimittel zu bekommen.

Welche Patienten mit welchen Krankheiten werden mit moderner Therapie versorgt - bei welchen Patienten ist das nicht der Fall? Als erschreckend schlecht beurteilen Ärzte die Versorgung von Patienten mit Demenz.

Noch schlechter ist die Versorgung von Demenzkranken. Nur jeder fünfte Arzt meint, dass diese Patienten mit moderner Therapie versorgt werden, 40 Prozent beklagen, dass Demenzkranken weder der therapeutische Fortschritt der Medizin insgesamt noch der Zugang zu innovativen Arzneien zur Verfügung steht.

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, sieht darin die Gefahr, dass es künftig Patienten geben wird, deren Krankheiten im Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und solche, deren Krankheiten in den Schatten gesellschaftlicher Stigmata verbannt werden.

Yzer: "Was ist mit der Depression, die immer noch eine verschwiegene Krankheit ist, oder der Demenz, die mit dem Thema Alter kollektiv verdrängt wird? Wenn wir nicht aufpassen, sehen wir hier die Vorboten einer gefährlichen Weichenstellung: Krankheiten mit Lobby und Krankheiten ohne eine solche."

Termin: Podiumsdiskussion mit niedergelassenen Ärzten am 4.11., 20 Uhr, in Berlin, Akademie der Künste, Pariser Platz

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