Ärzte Zeitung, 21.07.2009

Pharmafirmen geißeln Sparpläne der Kassen

Trotz Rabattverträgen steigen die Arzneimittelausgaben weiter. Gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium wollen die Kassen der Entwicklung mit einer erweiterten Aut-idem-Regelung begegnen. Die Hersteller laufen Sturm dagegen.

Von Bülent Erdogan

Das Kreuz mit dem Kreuz: Die Kassen blasen zum Angriff auf Aut-idem.

Foto: ÄZ

BERLIN. Die führenden Verbände der Pharmaindustrie haben vor einer Aushöhlung der Arzneimittel-Therapiesicherheit gewarnt, sollten sich Bundesgesundheitsministerium und Krankenkassen mit ihren Vorstellungen über eine umfassendere Austauschbarkeit von wirkstoffgleichen Medikamenten durchsetzen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz machten der Branchenverband Pro Generika, der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH), der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Verband forschender Pharmaunternehmen (VFA) ihrem Ärger Luft.

Hintergrund sind Pläne von Ministerium und Kassen, nach denen wirkstoffgleiche Arzneimittel künftig bereits dann austauschbar sein sollen, wenn sie im gleichen Indikationsbereich auch nur ein gemeinsames Anwendungsgebiet aufweisen (wir berichteten). Die Hersteller vertreten hingegen die Ansicht, dass das auszutauschende Medikament nach Paragraf 129 SGB V in mindestens allen Anwendungsbereichen dem ursprünglich verordneten Medikament gleichwertig sein muss.

Für Pro Generika warf dessen Geschäftsführer Peter Schmidt dem Ministerium und den Kassen vor, für ein "paar Cent oder Euro" an Einsparungen Patienten mit Packungsbeilagen allein zu lassen, auf denen ihre Krankheit nicht aufgelistet sei, ebenso wenig die Dosierung oder aber Hinweise zu Kontraindikationen. Nach Ansicht von Barbara Sickmüller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des BPI, würde eine erweiterte Autidem-Regelung auch der Indikationserweiterung von Generika-Präparaten die wirtschaftliche Grundlage entziehen.

Auch der VFA fürchtet gravierende Folgen. Für dessen Experten Dr. Ulrich Vorderwülbecke stellen die Vorstellungen der Kassen nur die Vorstufe für eine Attacke auf den patentgeschützten Arzneimarkt dar: "Wir fürchten, dass die Zulassung marginalisiert wird, dass der Inhalt der Packungsbeilage wenig gilt und dass man mit dem Off-Label-Use mehr oder weniger nach Gutdünken umgehen kann", sagte er. Eine schrankenlose Austauschbarkeit von Medikamenten führe zu deren Abwertung. Zudem wirke sie einer Individualisierung der Arzneimitteltherapie entgegen, so Vorderwülbecke.

Widerspruch kam vom Verhandlungsführer für die AOK-Rabattverträge, Dr. Christopher Hermann. Er sprach von "Panikmache der Pharmalobby". Fälle, in denen der Patient im Beipackzettel sein Anwendungsgebiet nicht finden könne, dürften ihm zufolge die Ausnahme bleiben. "Sollte das vorkommen, muss der Hersteller den Arzt umfassender und schneller informieren", schob Hermann in einer Mitteilung den Schwarzen Peter zurück an die Pharmaunternehmen.

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