Ärzte Zeitung, 04.11.2010

Hoppe: "Medizin braucht Vielfalt"

Nach Ansicht des Bundesärztekammer-Chefs Jörg-Dietrich Hoppe sollten alternative Heilmethoden stärker in die medizinische Versorgung integriert werden. Doch diese sind nach wie vor heftig umstritten.

Von Sunna Gieseke

Hoppe: "Medizin braucht Vielfalt"

Homöopathie ist in der Versorgung angekommen, aber schulmedizinisch nicht anerkannt.

© otisthewolf / fotolia.com

BERLIN. Gleiches mit Gleichem Heilen - alternative Heilmethoden wie die Homöopathie stehen bei Patienten hoch im Kurs. Die Krankenkassen haben auf diesen Trend reagiert: Mehr als 100 integrierte Versorgungsverträge haben Betriebs- und Innungskrankenkassen dazu abgeschlossen. Von Schulmedizinern anerkannt sind diese Therapieansätze jedoch nicht.

Kritiker werfen der Komplementärmedizin vor, sie habe lediglich einen Placebo-Effekt. Zuletzt hatte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dafür plädiert, dass die Kassen für Leistungen und Arzneimittel aus der Homöopathie grundsätzlich nicht mehr aufkommen sollten.

Nach Ansicht von Professor Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, braucht Medizin jedoch Vielfalt - und dazu gehört auch die Komplementärmedizin. Vertreter der Schulmedizin und Naturheilkunde täten sich nach wie vor damit schwer, "zum Wohle des Patienten zusammenzuarbeiten", so Hoppe.

Eine stärkere Kombination aus beiden sei aber "wünschenswert". Besonders bei der Behandlung von Patienten mit Befindlichkeitsstörungen wie Reiseübelkeit oder Wetterfühligkeit könne man "mit Homöopathie Erfolge erzielen". "Zu deren Philosophie gehört das lange ausführliche Gespräch zwischen Arzt und Patient", so Hoppe.

Und solche Behandlungsformen seien Bestandteil des Gesamtspektrums der Medizin. Seiner Meinung nach reicht es allerdings nicht - wie kürzlich von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) angekündigt -, allein die sprechende Medizin stärker zu fördern.

"Zur Behandlung des Patienten gehört auch die tatsächliche Tätigkeit des Arztes - und nicht ausschließlich ein Gespräch", so der BÄK-Präsident. Dabei sei es wichtig, dass Patienten einen Arzt und keinen Heilpraktiker aufsuchten.

Nach Ansicht von Professor Stefan Willich von der Berliner Charité profitierten auch Ärzte auch einer stärkeren Zusammenarbeit von Schulmedizin und alternativer Medizin: "Eine Kooperation der beiden medizinischen Richtungen dient auch dem Erhalt der ärztlichen Therapiefreiheit und der Individualität in der Patientenbehandlung." Eine Auswahlmöglichkeit stärke zudem die Eigenverantwortung der Patienten.

[26.11.2010, 10:41:32]
Dr. Martin P. Wedig 
Homöopathie eine Therapie für Krisen
Homöopathie entzieht sich über den Anspruch einer nicht wiederholbaren individualisierten Behandlungsweise dem kontrollierten Experiment, das sich auf eine Vielzahl und auf den Vergleich stützt. Das Versprechen der personalisierten Behandlung kontrastiert zur Schulmedizin, bei welcher hinter diversifizierten Produktnamen einheitliche Generika stehen und mit der Substitutionsregelung die Entzauberung der Vielfalt erfahren. Der Kranke erfährt mit den Entzug seiner gewohnten Konfektion aus Umverpackung, Farb- und Formgebung bis hin zu sensorische haptischen Erlebnissen einen Verlust des Gewohnten.
Die Faszination der Homöpathie wird im Erlebnisberichten der en Genesung als Glaubesgebäude kenntlich.
1874 schreibt Dr. Arthur Lutze über einen Patienten, der an einer 1 ½ Zoll messenden Beinverkürzung nach Kochenfrass litt zur Besserung des Handicaps nach Anwendung von "Sulphur x und China xzusammen": "Wie ist dies zugegangen, und was lag eigentlich vor, dass das eine 1½ Zoll kürzer Bein dem anderen gleich werden konnte? ... Daraus schließe ich, daß er damals an [einer kontralateralen] Hüftgelenk-Entzündung (Coxitis oder Coxarthrocac) egelitten..."
Hypothetische andere Krankheiten werden als Erklärung für die Erfahrung der Heilung herangezogen.
In der individuellen Krise sucht der Kranke den Homöopathen als eine Form des alternativen Behandlers auf. In Krisen einer Gesellschaft gewinnt die Homöopathie als Verfahren an Ansehen und Verbreitung.
Krisen durchlaufen einen katastrophalen Übergang mit unvorhersehbaren neuen Gleichgewichtszuständen. Die selektierte Sammlung günstig bewerteter Resultate stärkt den Glauben. Auch dies ist ein Aspekt der Arzt-Patienten-Beziehung. zum Beitrag »

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