Mittwoch, 3. September 2014
Ärzte Zeitung, 21.01.2013

Polypharmazie

Je mehr Arzt, desto Pille

Eine Studie zeigt das wahre Ausmaß von Polypharmazie bei alten Patienten: Je mehr Ärzte die Patienten behandeln, desto gravierender ist das Problem. Helfen kann ein "Zehn-Minuten-Review".

Von Christian Beneker

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Ungesunder Cocktail: Forscher vermissen Langfrist-Strategie zur Bekämpfung der Polypharmazie.

© Robert Kneschke / shutterstock.com

BREMEN. Je mehr Ärzte an der Behandlung beteiligt sind und je älter der Patient ist, desto ist das Risiko von Polypharmazie. Das zeigt eine Erhebung bei Versicherten der Krankenkasse hkk im Großraum Oldenburg/ Bremen.

Nach Schätzungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArm) sind Wechsel- und Nebenwirkungen von Medikamenten jedes Jahr ursächlich für bis zu 300.000 Krankenhausaufnahmen.

"Weil es sich dabei vor allem um ältere sowie chronisch erkrankte Menschen handelt, wird sich das Problem mit der demografischen Entwicklung noch verschärfen", hieß es.

Grundlage der Untersuchung seien alle hkk-Versicherten gewesen, die im Jahr 2010 Arzneimittel verordnet bekamen. Ausgewertet wurden die Daten anonym vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG).

Rezeptfreie Arzneien nicht gezählt

Mehr als 60 Prozent der hkk-Mitglieder ab 65 Jahren, denen 2010 ein Medikament verschrieben wurde, seien von Polypharmazie betroffen, hieß es.

"Da die Verordnungsdaten der gesetzlichen Krankenkassen keine frei verkäuflichen Arzneimittel berücksichtigen, ist bei dieser und den folgenden Fragestellungen sogar von noch höheren Zahlen auszugehen", so die Kasse.

Bei 25,3 Prozent der hkk-Versicherten, denen im Jahr 2010 Arzneimittel verschrieben wurden, wurden im gleichen Jahr mindestens 20 Krankheiten diagnostiziert. Nahmen die Patienten fünf bis zehn Arzneimittel gleichzeitig ein, stieg der Anteil der von Multimorbidität Betroffenen auf 41,9 Prozent.

Bei elf bis 15 Arzneimitteln erhöhte sich diese Zahl auf 55,8 Prozent, bei 16 und mehr Arzneimitteln sogar auf 82,4 Prozent.

Auch mehrere behandelnde Ärzte bedeuten ein höheres Polypharmazie-Risiko. Wurden Patienten nur von einem Arzt behandelt, betrug der Anteil der Polypharmazie Betroffenen zehn Prozent.

Bei zwei behandelnden Ärzten stieg der Anteil der Patienten mit Polypharmazie auf 30,8 Prozent, bei vier Ärzten waren sogar 79,1 Prozent der entsprechenden Patientengruppe betroffen.

Mehr Problembewusstsein nötig

Zudem begünstige Polypharmazie Vergiftungen von Patienten. 2010 wurde bei 226 stationär behandelten hkk-Versicherten eine Vergiftung festgestellt, an denen mindestens ein ärztlich verordnetes Arzneimittel beteiligt war, berichtete die Krankenkasse.

Von diesen Patienten waren 71,2 Prozent von Polypharmazie betroffen. Um dem Problem beizukommen "müsste zunächst das Problembewusstsein sowohl bei Ärzten als auch Patienten geschärft werden", meint Dr. Bernard Braun vom BIAG und dem Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen.

Der Wissenschaftler vermisst eine "langfristige Strategie" aus Information, stärkerer Einbindung der Apotheken und aus Leitlinien zur Behandlung von multimorbiden Patienten.

Außerdem sollten Hausärzte bei Patienten mit Polypharmazie regelmäßig "Zehn-Minuten-Reviews" durchführen, erklärte Braun, um Zahl und Art von Arzneimitteln zu reduzieren und kontraindizierte Arzneimittel zu vermeiden.

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[22.01.2013, 12:03:53]
Dr. Walther J. Kirschner 
Polypharmakotherapie - Reduktion und neue Strategien erorderlich
Es ist evident, daß wiederholte additive kumulative Medikamentenverordnungen keine rationale Pharmakotherapie darstellen. Dies gilt generell, besonders problematisch wird es bei älteren multimorbiden Patienten. Nicht selten werden mehr als 20 Medikamente bei Ihnen festgestellt. Und das sind nur die ärztlich verordneten, die z.T. zusätzlich verwendeten sind ebenfalls zu berücksichtigen.

Pharmakologisch, toxikologisch und pathophysiologisch entstehen dabei diverse paradoxe Probleme, die nicht auflösbar sind; etwa multiple Wechselwirkungen und weitere adverse Effekten, die zu Kontraindikationen führen; etwa neue iatrogene Symptomatiken und perspektivisch strukturelle Schädigungen (Niere, Leber, Gefäße u.a.). Zudem können akute Gefährdungen eintreten, z.B. Frakturen, intrakranielle Blutungen nach Stürzen wegen (Polypharmakotherapie bedingter) Kreislaufirritationen.

Auf die nach wie vor brisante Problematik wurde bereits kürzlich hingewiesen (z.B. Kirschner, W., Ärztezeitung, 17.08.2012; Bublak, R., springermedizin.de, 28.08.2012; Opondo, D. et al., PLoS ONE 2012 7(8); Kirschner, W.,springermdedizin.de, 30.08.2012). Ja, hier muß Dr. B. Braun (BIAG u. Uni Bremen), dringend zugestimmt werden: diese Situation erfordert mehr Problembewußtsein - nicht nur bei Ärzten, sondern auch bei Patienten.

Allein schon aufgrund bekannter demografischer Entwicklungen mit zunehmende Seniorenanteil in der Gesellschaft und damit assoziierter Multimorbidität ergeben sich neue medizinische und gesundheitspolitische Erfordernisse. Paradigmenwechsel sind unausweichlich.

Wissenschaftliche Gesellschaften sind aufgefordert, systematische neue Strategien zu entwickeln, incl. Leitlinien für rationale Vorgehensweisen bei Multimorbidität und Polypharmakotherapie, unter besonderer Berücksichtigung der Senioren. Ebenfalls darf nicht vergessen werden: Polypharmakotherapie führt zu Unübersichtlichkeit bezüglich adverser Effekte. Auch zu dieser grundlegenden Schwierigkeit müssen neue praktikable Strategien entwickelt werden, die weit über bisherige pharmakologische und pharmazeutische Aspekte hinaus gehen, d.h. alleinige Forschung und initiale pharmakologisch-klinische Erprobung reichen ebenso wenig aus wie isolierte pharmazeutische Maßnahmen (Vertrieb durch Apotheken). Hierbei sind vielmehr komplexere Verfahrensweisen zu entwickeln, die sich primär weit mehr an ärztlichen Behandlungsverfahren orientieren sowie an Patienten bezogenen Zuständen und Erfordernissen. In diesem Zusammenhang besteht eine Fülle offener Fragen und Probleme.

Experten und wissenschaftliche Verbände sind weiter aufgefordert, neue systematische Konzepte zu entwickeln, dies unter zusätzlicher Erfordernis einer ärztlichen Alltagspraktibilität.

Dr. med. Walther Kirschner  zum Beitrag »

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