Verzicht und Co.

Orphan Drugs oft ohne Orphan-Status

Jede fünfte neue Arznei hat in den letzten Jahren den Orphan-Drug-Status erhalten. Das bedeutet etwa zehnjährige Marktexklusivität, unabhängig vom Patentschutz. Doch es gibt eine ganze Reihe von Orphan Drugs ohne dieses Etikett. Das hat verschiedene Gründe.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Orphan Drugs besitzen eine zehnjährige Marktexklusivität, unabhängig vom Patentschutz.

Orphan Drugs besitzen eine zehnjährige Marktexklusivität, unabhängig vom Patentschutz.

© RRF / fotolia.com

Bei Orphan Drugs ohne das Etikett "Orphan Drug" ist entweder die zehnjährige Frist, für die die Zulassungsbehörden Marktexklusivität gewährleisten, abgelaufen. Oder die pharmazeutischen Unternehmen verzichten - teilweise bereits vor der Zulassung - auf den Orphan-Status ihrer Wirkstoffe und die damit verbundenen Vergünstigungen.

Das sind etwa der Erlass von Zulassungsgebühren für mittelständische Unternehmen oder das vereinfachte Verfahren bei der Bewertung des Zusatznutzens im Rahmen des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG).

Ein solcher Verzicht auf den Orphan-Status werde oft dann ausgesprochen, wenn sich bei klinischen Prüfungen herausstelle, dass das Medikament nicht nur bei Patienten mit der jeweiligen seltenen Krankheit wirksam ist, sondern auch bei Patienten mit häufigeren Krankheiten, sagt Dr. Siegfried Thom, Geschäftsführer Forschung, Entwicklung und Innovation beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa).

"Dies ist bisher insbesondere bei einigen Krebsmitteln erfolgt, die nicht nur gegen seltene, sondern parallel auch gegen häufiger vorkommende Krebsarten entwickelt wurden", so Thom.

Ein Beispiel dafür ist Pazopanib (Votrient®), das nicht nur beim seltenen Nierenzellkarzinom eingesetzt wird, sondern ebenso für die Behandlung bei Weichteilsarkomen angezeigt und zugelassen ist.

Auch beim im September 2012 zugelassenen Axitinib (Inlyta®) gegen das fortgeschrittene Nierenzell-Ca hat der Hersteller auf den Orphan-Status verzichtet, in Studien wurde das Mittel bereits bei Schilddrüsenkrebs, Lungenkrebs und Brustkrebs angewendet.

Ähnlich ist es bei Vandetanib (Caprelsa®), das derzeit für Patienten mit medullärem Schilddrüsen-Ca zugelassen ist, für das bereits Ergebnisse aus Phase-II- und -III-Studien bei nichtkleinzelligem Lungen-Ca vorliegen.

Ablauf des Status

Beim Klassiker unter den Tyrosinkinasehemmern Imatinib (Glivec®), der seit langem bei verschiedenen Leukämien oder bei malignen gastrointestinalen Stromatumoren (GIST) angewendet wird, war der zehnjährige Orphan-Status bei Chronischer Myeloischer Leukämie (CML) im November 2011 abgelaufen.

Im April 2012 erfolgte dann die Zulassung für Patienten mit einer weiteren seltenen Krankheit, nämlich mit nicht resezierbarem Dermatofibrosarcoma protuberans (DFSP), und zwar unter Verzicht auf den Orphan-Status.

Auch für den biotechnologisch hergestellten Enzymersatz Laronidase (Aldurazyme®) für Menschen mit Mucopolysaccharidose (MPS) I, an dem nur etwa 1250 EU-Bürger leiden, ist im Juni 2013 der zehnjährige Orphan-Status abgelaufen, das Medikament bleibt im Markt.

Wenn sechs Jahre nach der Zulassung die Zahl der Patienten über die Seltenheitsschwelle hinaus gestiegen ist, verliert das Medikament den Orphan-Status. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Zulassungsbehörde den Orphan-Status nicht gewährt oder der Status vom Unternehmen vor der Zulassung zurückgegeben wird.

Letzteres war 2009 der Fall, als mit Ixiaro® ein Impfstoff gegen die Japanische Enzephalitis auf den Markt kam, davon sind in Europa allerdings mehr als 1/2000 Menschen betroffen, somit gilt die Krankheit nicht mehr als selten.

Ab Dezember 2013 wird voraussichtlich in Deutschland mit Lomitapid (Lojuxta®) ein Medikament zur Behandlung von Menschen mit der seltenen homozygoten familiären Hypercholesterinämie (HoFH) verfügbar sein. Damit können die LDLSpiegel bei entsprechender Begleittherapie konsistent um etwa 40 Prozent gesenkt werden.

In den USA war das Medikament bereits Ende 2012 als Orphan Drug zugelassen worden, weil es sich bei der HoFH mit einer Prävalenz von etwa 1:1.000.000 um eine seltene Krankheit handelt. Die EMA dagegen hat dem Hersteller den Orphan-Status verwehrt, mit der Begründung, die homozygote und die heterozygote familiäre Hypercholesterinämie stelle eine einheitliche Krankheitsentität dar.

Die heterozygote Form der Krankheit ist mit einer Prävalenz von 1:500 nicht selten. Lomitapid senkt in beiden Indikationen den LDL-Spiegel, zugelassen ist es jedoch vorerst nur bei HoFH.

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