Ärzte Zeitung, 16.12.2013

Hessen und Rheinland-Pfalz

Arznei-Atlas zeigt regionale Unterschiede

Was die Arzneimittelversorgung angeht, sind sich Hessen und Rheinland-Pfalz sehr ähnlich. Dennoch: Bei einem Blick in den Arzneimittel-Atlas 2013 zeigen sich Unterschiede, die mindestens Signalwirkung für die jeweiligen Regionen haben.

Von Marco Hübner

MAINZ. Hessen und Rheinland-Pfalz sind zwar enge Nachbarn, der Arzneimittel-Atlas 2013 zeigt jedoch: In der Versorgung mit Medikamenten gibt es überraschende Unterschiede. So blieben in einigen Indikationsbereichen die Verordnungen im Jahr 2012 hinter den Annahmen Wissenschaftler zurück.

Solche Signale sollten nicht ungeachtet bleiben: Darin stimmten Vertreter von Krankenkassen und Arzneimittelherstellern sowie Wissenschaftler überein.

In einer Diskussionsveranstaltung des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller zur Arzneimittelversorgung in Hessen und Rheinland-Pfalz gingen sie kürzlich den regionalen Verordnungsunterschieden nach. Ergebnis: In den Regionen sollten genauere Daten erhoben werden, um die Versorgung zu verbessern.

Verordnungen werfen Fragen auf

Divergenzen zwischen den Nachbarn tun sich etwa bei Immunsuppressiva zur Behandlung von Rheumaleiden auf. In Hessen liegt die Tagesdosis pro GKV-Versicherten bei 1,6 in Rheinland-Pfalz bei knapp 1,3.

Bundesweit haben die Rheinlandpfälzer sogar den niedrigsten Pro-Kopf-Verbrauch in dieser Indikationsgruppe. Doch eigentlich müsste es anhand der Risikostruktur (zum Beispiel Alter, oder Body-Mass-Index der Versicherten) viel mehr Verordnungen im Land geben.

"Speziell bei der Untergruppe der TNF-alpha-Inhibitoren, die gezielt zur Rheumabehandlung eingesetzt werden, sieht es so aus, als ob Rheinland-Pfalz deutlich unter der ‚Erwartungslinie‘ liegt", berichtete Professor Bertram Häussler, Direktor des IGES Institut Berlin.

Was steckt dahinter? Angst vor Regressen bei der Verordnung von Innovationen? Mangel an speziellen Fachärzten in der Region? Er regte an, diesem Thema in einer näheren Betrachtung nachzugehen.

Zurückhaltung bei Innovationen

Auffälligkeiten gibt es auch in Hessen: Dort gibt es eine wesentlich höhere Prävalenz an Diabetes, eine der häufigsten Ursachen für neuropathische Schmerzen, die sich allerdings nicht mit dem Verbrauch an Antiepileptika deckt.

"Solche Signale sind kein Beweis für Unterversorgung - können aber Anlass für eine weitere Klärung sein", erläuterte Häussler. Es gelte herauszufinden, ob das richtige Arznei mittel dort ankommt, wo es wirklich gebraucht wird.

Anneliese Bodemar, Leiterin der TK-Landesvertretung Rheinland-Pfalz, zeigte sich gegenüber Innovationen offen: "Wir wollen auch, dass unsere Versicherten innovative Arzneimittel bekommen. Aber es sollen auch wirkliche Innovationen sein. Insofern sind wir sehr froh, dass es die frühe Nutzenbewertung gibt."

Am Verfahren der Nutzenbewertung entzündete sich allerdings Kritik: "Wir müssen mehr zu regionalen Lösungen kommen. Patienten informieren und Versorgung im Dialog gestalten, statt nur eindimensional den Preis auf Bundesebene zu verhandeln. So wären wir näher an den Patienten", sagte Dr. Marco Penske, Leiter Market Access and Healthcare Affairs bei der Boehringer Ingelheim Pharma.

Analysen wie die im Arzneimittel-Atlas könnten den Weg für bessere Versorgung in der Region ebnen. Dabei wird einerseits das Verordnungsverhalten genau abgebildet.

Andererseits wird die regionale Prävalenz von Erkrankungen und der daraus resultierende Behandlungsbedarf für verschiedene Indikationsgruppen untersucht. Im Abgleich dieser Parameter kann dann eine Fehlversorgung sichtbar werden.

Es läge an Krankenkassen und Ärzten, die Ursachen herauszufinden und eine Lösung zu entwickeln, etwa durch regionale Vereinbarungen zur Arzneiversorgung.

Kasse sieht Pflicht nicht nur bei KV

Damit Arzneimittelinnovationen bei den Patienten ankommen, sieht Isabella Erb-Herrmann, Hauptabteilungsleiterin Integratives Leistungsmanagement der AOK Hessen, nicht nur die KVen in der Pflicht. Die Kasse wolle sich nicht der Verantwortung in der Kommunikation über richtiges Verordnen entziehen.

Es könne nur im Interesse der Kasse sein, nicht an Information zu sparen, um die Versorgung der Versicherten zu optimieren. "Die KVen würde ich trotzdem ungern ganz vom Haken lassen, denn auch dort sollte ein Bewusstsein dafür vorhanden sein, was zu tun ist."

www.arzneimittel-atlas.de

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