Ärzte Zeitung App, 27.11.2014

"Pille danach"

Diskussion um Beratung

Bundesgesundheitsminister Gröhe will ein Spitzentreffen zur Qualität der Beratung einberufen. Die Apotheker sehen sich für die Bearatung aber bereits bestens aufgestellt.

BERLIN. Freude und Enttäuschung in der großen Koalition über die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zur rezeptfreien Abgabe der "Pille danach" mit dem Wirkstoff Ulipristal:

"Es ist schade, dass unsere Argumente in Brüssel anscheinend nicht gehört werden. Aber wir wollen in jedem Fall ein hohes Niveau der Beratung bei der Pille danach sicherstellen", sagte Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion.

Spahn hatte sich in der Vergangenheit vehement dafür eingesetzt, die Rezeptpflicht zu erhalten. Er regte nun an, eine strukturierte Beratung für Apotheken zur Abgabe der "Pille danach" zu entwickeln. Ein Spitzengespräch dazu hatte schon Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) am vergangenen Freitag angeregt.

Er wolle Gynäkologen, Apotheken und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einladen, gemeinsam Kriterien für eine gute Beratung zu entwickeln, erklärte Gröhe.

Hohe Beratungsqualität sieht der Präsident der Bundesapothekenkammer, Dr. Andreas Kiefer, bei seinen Kollegen: "Selbstverständlich beraten wir die Patientinnen auch bei rezeptfreien Notfallverhütungsmitteln so, dass eine größtmögliche Arzneimittelsicherheit gewährleistet ist."

Die SPD-Frauen haben die EMA-Entscheidung sowie den Kurswechsel des Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe (CDU) begrüßt. Ein rezeptfreier Verkauf des Medikaments sei überfällig "und ein wichtiger Teil des Selbstbestimmungsrechts moderner Frauen", erklärte die SPD-Gesundheitspolitikerin Martina Stamm-Fibich am Dienstag in Berlin.

Allerdings forderte sie Gröhe auf, nicht nur Pillen mit dem Wirkstoff Ulipristal freizugeben, sondern auch die mit dem Wirkstoff Levonorgestrel.

Auch die Opposition begrüßte die Entscheidung. "Dass der Gesundheitsminister zur Vernunft gezwungen werden musste, das ist schon ein Ding", erklärte Kordula Schulz-Asche, Bundestagsabgeordnete der Grünen im "Deutschlandfunk". (bee/dpa)

[01.12.2014, 19:33:41]
Dr. Michael Kiworr 
Europäische Behörde vor nationalem Recht? Wer beantwortet die vielen offenbleibenden Fragen?
Wenn Gröhe "umkippen" sollte, so wie dieser Artikel suggeriert, wäre dies höchst bedauerlich- denn Gröhe hat zumindest bisher als Bundesgesundheitsminister medizinische Argumente über ideologisches Begehren gestellt. So hat er bisher sowohl vehementen Forderungen ideologischer Gruppen als auch den Interessen der Pharma- Industrie widerstanden, die beide ein großes Interesse an der Rezeptfreigabe haben

Als Gynäkologe möchte ich auf einige Zusammenhänge hinweisen, die meines Erachtens bei der Entscheidung der europäischen Arzneimittelbehörde ignoriert wurden:

- zum einen mag die europäische Arzneimittelkommission ein Gremium sein, welches so aus welchen Beweggründen auch immer entschieden hat. Andere mindestens ebenso kompetente Expertengremien sehen dies ganz anders: Sowohl der Bundesverband der Frauenärzte (in deren fachlichen Kompetenzbereich nun einmal Fragen um Sexualhormone und Verhütung gehören) wie auch der Präsident der Bundesärztekammer zählen aus guten Gründen dazu!

- eine europäische Arzneimittelbehörde hat hier ihre Meinung kundgetan- aber Unterschiede innerhalb Europas leider ignoriert: In den einzelnen Ländern, in denen die "Pille danach " bereits rezeptfrei ist, ist eben auch keine solche hohe Facharztdichte mit kontinuierlicher Erreichbarkeit sowie ärztliche Notdienstversorgung wie in Deutschland gegeben! Und gerade dieses Argument der wichtigen "Notfallverfügbarkeit" wurde ja gerne bemüht.
 Der Schutz der bisherigen Rezeptpflicht durch den Bundesärztekammerpräsident Prof. Montgomery begründet er u.a. eben mit diesen speziellen in Deutschland herausragenden Zugangsmöglichkeiten -oder sollen wir diese auch an das niedrigere Niveau in anderen europäischen Ländern angleichen? Entweder werden nationale Unterschiede berücksichtigt- dann besteht in Deutschland im Gegensatz zu anderen EU- Staaten keinerlei Notwendigkeit der Aufhebung der Rezeptpflicht bei unserem Stand der ärztlichen Versorgung- oder es gibt eine einheitliche Regelung, bei der dann aber auch die ärztliche Notfallversorgung an ein niedrigeres Niveau anderer europäischer Länder angepaßt werden könnte..

- in der Diskussion wird oft von "der" Pille danach gesprochen, aber die Unterschiede der beiden Wirkstoffe UPA und LNG viel zu wenig beachtet:
 Laut dem aktuellen Vorstoß der europäischen Arzneimittelbehörde wird der neue Wirkstoff UPA als "sicher" erachtet und Vorteile postuliert, als würden die Werbebroschüren des Herstellers zitiert- die Probleme des neuen Wirkstoffes UPA werden jedoch kaum berücksichtigt: Gebetsmühlenartig wird von manchen undifferenziert behauptet, eine abtreibende Wirkung gäbe es nicht, ohne freilich überzeugende wissenschaftliche Belege (unabhängig ohne Interessenskonflikte!) dazu angeben zu können. Bzgl. UPA ist jedoch die tw. abtreibende Wirkung (je nach Zykluszeitpunkt kann eine Ovulationshemmung oder eine frühabtreibende Nidationshemmung vorliegen) tatsächlich noch ein deutlich größeres Problem als bei LNG: Der renomierte Endokrinologe Prof. Rabe äußerte sich 2012: "Durch UPA (den Wirkstoff von Ulipristal) wird die Bildung der Proteine unterdrückt, die für den Beginn und den Erhalt der Schwangerschaft erforderlich sind..." eine aktuelle Arbeit (1/2014) von Mozzagena et al belegt erneut die nidationshemmende Wirkung von UPA auf das Endometrium. Progesteron ist nun einmal für die erfolgreiche Einnistung und den Erhalt der Schwangerschaft erforderlich- was passiert, wenn mit UPA durch einen "Progesteronrezeptor- Modulator" die Wirkung des Progesterons gestört wird?!
 Chemisch eng verwandt ist dieses Medikament mit der medikamentösen Abtreibungspille Mifepristone, die eben sehr erfolgreich bestehende Schwangerschaften abtötet und genau dazu als Abtreibungspille verwendet wird. Mifepristone wird daher auch besonders in China als "Pille danach" zur Frühabtreibung wie auch zur Spätabtreibung verwendet...
 
- das postulierte Sicherheitsprofil von "Ella one" mit dem Wirkstoff UPA wurde wie in der Medizin üblich an gesunden Probantinnen getestet, bei denen zuvor Kontraindikationen durch ärztliche Untersuchungen ausgeschlossen waren. Damit mag das Nebenwirkungsprofil von "ella one" niedrig sein- was aber wenn die ärztliche Überprüfung von Kontraindikationen und Risikofaktoren entfällt? Was ist, wenn "Ella one" Patientinnen ohne Anamnese, ohne persönliches Kennen der Patientin nun verschrieben wird, ohne jedoch Lebererkrankungen, Thrombosen oder Lactoseunverträglichkeit, bereits bestehende Schwangerschaften oder Lactation oder aber problematische Wechselwirkungen zu anderen Medikament zu berücksichtigen? All dies wären Kontraindikationen- die bei einer fachärztlichen Verschreibung zuvor ausgeschlossen werden. Wenn dies wegfällt- wer übernimmt dann für die dadurch entstehenden Risiken die Verantwortung?


Eine Aufhebung der Rezeptpflicht würde zudem zahlreiche Fragen aufwerfen:

- warum sollte der Zugang zu einer qualifizierten medizinischen Beratung verschlechtert oder unmöglich gemacht werden? Gerade die Anwenderinnen der "Pille danach" gehören überdurchschnittlich unteren sozialen Schichten an, verhüten eben nicht adäquat oder sind minderjährig- sollte man gerade diesen jungen Frauen eine adäquate Beratung verweigern? Wäre dies nicht höchst unsozial und frauenfeindlich?

- warum sollte ausgerechnet die "Pille danach" mit einer gegenüber LNG durchschnittlich 10mal höheren Dosis als normale Pillen und mit der 50zigfachen einer Gestagen- Minipille (die alle rezeptpflichtig sind) rezeptfrei werden? Beim Wirkstoff UPA ist derselbe Wirkstoff mit dem Handelsnamen "Esmya" als - verschreibungspflichtiges!- Medikament zur Behandlung von Myomen im Handel. Bei Ella one mit genau demselben Wirkstoff geht es geht um die 6-fache Dosis des rezeptpflichtigen Esmya! Gibt es dafür medizinische oder nur ideologische Gründe? Müßten dann nicht konsequenterweise alle Kontrazeptionspräparate und Esmya zuvor von der Rezeptpflicht befreit werden?

- Gerade bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder gar dem immer wieder zitierten Fällen sexuellen Missbrauches- wäre gerade da nicht umso mehr eine Beratung bzgl. Geschlechtskrankheiten (va. aktuell Chlamydien!), Prävention sowie Therapie und im letzteren Fall ein Anbieten entsprechender Hilfestellen wichtig? Soll dies dann auch der Apotheker übernehmen?

- inwieweit wäre ein Misbrauch (dass Partner oder Eltern die "Pille danach" verbreichen) oder eine Mehrfacheinnahme mit noch einmal erhöhten Risiken ausgeschlossen?

- inwieweit würden die Interessen des Herstellers (sowohl LNG als auch UPA: HRA Pharma Paris- der Gynäkologen mit Werbung zu seinen Präparaten überschüttet) über Wohl und die Gesundheit der Patientinnen gestellt?

 In dieser Debatte wird Frauenärzten gerne vorgeworfen, sie wollen an der Rezeptpflicht aus eigenen wirtschaftlichen Interessen festhalten. Allerdings ist unstrittig, daß bereits schon jetzt eine deutliche Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen zu beobachten ist. Eine Aufhebung der Rezeptpflicht hat in andern Ländern wie England oder Frankreich nicht nur zu einer Zunahme von ungewollten Schwangerschaften geführt (obschon genau dies angeblich verhindert werden sollte), sondern führt auch zu einer noch höheren Zunahme von Geschlechtskrankheiten und als Spätfolge zu einer Zunahme unerfüllten Kinderwunsches. Eine mangelnde Rezeptflicht würde nicht weniger, sonder mehr Arbeit für Gynäkologen bedeuten- eine sinnvolle Prävention und Fürsorge dürfte jedoch anders aussehen...

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