Ärzte Zeitung, 28.11.2014

Hecken attackiert Kassen

Preisverhandlungen gleichen Lotterie

Kein oder beträchtlicher Zusatznutzen? Das macht für den GKV-Spitzenverband bei den Preisverhandlungen keinen Unterschied, kritisiert GBA-Vorsitzender Josef Hecken. Er hat aber eine Idee, wie sich das ändern lässt.

Hecken attackiert GKV-Spitzenverband

Unzufrieden mit Ergebnissen von Verhandlungen: Josef Hecken.

© Lopata / Axentis .de

BERLIN. Der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses, Josef Hecken, hat die zentralen Preisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den pharmazeutischen Unternehmern im Anschluss an die frühe Nutzenbewertung heftig kritisiert.

Die erzielten Abschläge seien völlig losgelöst von dem im GBA festgestellten Ausmaß des Zusatznutzens. Man könne sich das Verfahren auch sparen, Lose in eine Trommel werfen und die Höhe des Preisabschlags per Lotterie ermitteln.

Hecken plädierte bei einer Veranstaltung von RS Medical Consult am Mittwoch in Berlin dafür, einzelnen Kassenarten und Großkassen Verhandlungsmandate zu übertragen.

"Ich glaube, die Versorgungsrealität der AOK oder einer Ersatzkasse in Baden-Württemberg oder Hamburg erfordert ganz andere Entscheidungen, als sie möglicherweise in Verhandlungen vom GKV-Spitzenverband vollzogen werden", sagte Hecken.

Unterstützung erhielt der GBA-Chef von Industrieseite: "Bei Risk-Share-Verträgen und leistungsbasierter Erstattung auf Kassenebene wären die Firmen sofort dabei", sagte der Geschäftsführer des Verbandes forschender Pharmaunternehmen (vfa), Dr. Markus Frick. Es sei ein Kollateralschaden des AMNOG, dass es keine Anreize dafür mehr gebe.

Bei einer verbesserten dezentralen Versorgungsstruktur sei auch eine dezentrale Preisbildung sinnvoll, sagte Andreas Pfaff von der AOK Baden-Württemberg. Die Kassen würden den regionalen Bedarf und die Versorgungsrealität am besten kennen.

Abschläge zwischen 17 und 35 Prozent

Auslöser für Heckens Philippika war eine Untersuchung des GBA zur Höhe der in den Preisverhandlungen erzielten Abschläge. "Wir haben Abschläge, die liegen zwischen 17 und 35 Prozent gegenüber dem Einstandspreis der Unternehmen", sagte Hecken.

Umgeworfen habe ihn die Tatsache, dass die Produkte ohne Zusatznutzen genauso behandelt würden wie die mit beträchtlichem Zusatznutzen. Darin liege überhaupt keine Systematik. "Ich habe gedacht, dass wer mit einem beträchtlichen Zusatznutzen bei mir aus der Hütte geht, am Ende einen geringeren Abschlag hat als der, der überhaupt keinen Zusatznutzen hat", sagte Hecken.

Die Unzufriedenheit mit dem jetzigen System wachse. Man sollte daher intensiv darüber nachdenken, ob die zentralen Preisverhandlungen das richtige Vorgehen seien.

Dass die Bedürfnisse der einzelnen Kassen und Versorgungsaspekte in den Preisverhandlungen nach AMNOG untergewichtet sein könnten, hat der Gesetzgeber erkannt. Mindestens ein Vertreter der Einzelkassen solle bei den Verhandlungen zwischen GKV-Spitzenverband und Unternehmern mit am Tisch sitzen, heißt es im Koalitionsvertrag.

Für diesen Plan hat Hecken nur Spott übrig: Nachdem die Frage viele Male im GKV-Spitzenverband und im Gesundheitsausschuss hin- und her gewendet worden sei, solle nun ein Oberamtsrat dabeisitzen, der sich freundlich anhören könne, was da passiere. (af)

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