Ärzte Zeitung, 27.05.2015

Cluster gegen Pommesbude

Deutschland liebt es Klein-klein

Visionen, viel Kapital und Mut zum Scheitern - diese Bedingungen für Innovationskraft fehlen in Deutschland.

Von Helmut Laschet

BERLIN. Deutschland hat es ziemlich schwer, bei der Entwicklung der personalisierten oder stratifizierten Medizin im Wettbewerb mit den USA zu bestehen.

Ursächlich dafür sind ungeeignete forschungs-, wirtschafts- und steuerpolitische Rahmenbedingungen und ein gesellschaftliches Klima, in dem Risiken im Vergleich zu Chancen meist überbewertet werden, so Dr. Friedrich von Bohlen und Halbach, der als Naturwissenschaftler und Unternehmer die dievini Hopp BioTech Holding leitet, beim Frühjahrssymposion des Verbandes Forschender Pharma-Unternehmen in Berlin.

Im Unterschied zur traditionellen Organmedizin definiert von Bohlen personalisierte Medizin als "Präzisionsmedizin", in der zwei Elemente zusammenfließen:

- molekularbiologische Erkenntnisse über Entstehen und Ablauf von Krankheiten und

- Einsatz moderner Informationstechnologie.

Die gegenwärtige Entwicklung in der personalisierten Medizin sei gekennzeichnet durch Kostendegression und Zeitersparnis bei Gensequenzierungen und neuen molekularbiologischen Erkenntnissen, einem rasanten Datenwachstum, das nur noch durch moderne Informationstechnologie beherrschbar ist und einer wachsenden Differenzierung und Komplexität von Krankheitsbildern.

Durch eine IT-zentrierte, wissenschaftlich molekular begründete Medizin werde die Therapie "spezifischer, wirksamer und sicherer". Es gebe Aussicht darauf, dass Krebs zu einer behandelbaren chronischen Krankheit wie HIV und Aids werde.

USA an der Spitze

Möglich werde eine molekularbiologische Kartierung des menschlichen Körpers, die es Ärzten erlauben werde, diese wie GPS zielgerichtet zu nutzen - auch wenn das digitale Bild des menschlichen Körpers noch Lücken habe. Diese würden aber sukzessive geschlossen.

An der Spitze dieser Bewegung stehen die USA, nicht zuletzt deswegen, weil dort hinreichend viele potente Kapitalgeber bereit sind, erhebliche Summen - die Rede ist von 100 Millionen Euro oder mehr - in Forschungsprojekte zu stecken.

Die gegenwärtig übliche staatliche Forschungsförderung in Deutschland bewertet Bohlen als "Pommesbuden-Subvention", die weder im Volumen noch in der Nachhaltigkeit auch nur annähernd ausreichend sei.

Es gebe - von Ausnahmen abgesehen wie etwa dem SAP-Gründer Dietmar Hopp - kaum Unternehmerpersönlichkeiten, die bereit seien, in US-Dimensionen Privatkapital für Forschungsprojekte zu investieren. "Es gibt eine zu geringe Verfügbarkeit von Kapital: Kein Banker gibt einem Biotech-Gründer mit einer innovativen Idee eine Finanzierung."

Aus Furcht, Projekte könnten scheitern. Gerade das werde in den USA als völlig normal angesehen bei innovativen Suchprozessen: Wer scheitert, bekommt eine zweite, dritte oder vierte Chance - nicht aufzugeben, gelte als Auszeichnung.

Eine Menge guter Ideen in Deutschland

Auch Föderalismus und Dezentralisierung seien Hemmnisse im Innovationswettbewerb mit den USA. Dort habe man entschieden, sich auf zwei Riesen-Innovationscluster zu konzentrieren: Boston und Silicon Valley.

Die immunologische Krebstherapie entwickele sich deshalb in den USA, weil große Kapitalmengen in die Forschung fließen - auch von der Regierung.

Allein die National Institutes of Health erhalten nach Bohlens Angaben fünf Milliarden Dollar, weil Präsident Obama dies als prioritär entschieden habe. "Wäre das auch bei Angela Merkel denkbar?"

Deutschland habe eine große Menge guter Ideen, aber erhebliche Mängel, daraus auch Wertschöpfung zu kreieren, diagnostizierte der vfa-Vorsitzende Dr. Hagen Pfundner.

Als Beispiel nannte er den Impfstoff Gardasil zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs. Die Erkenntnisgrundlagen für die Entwicklung des Impfstoffs seien in Heidelberg geschaffen worden, konnten dort aber nicht in Wertschöpfung umgesetzt werden.

Wäre das Grundlagenwissen patentierbar gewesen, so Pfundner, so könnte man heute damit das Deutsche Krebsforschungszentrum finanzieren.

"Deutschland ist gut im Tagesgeschäft, aber es fehlen die Visionen. Die sind aber Grundlage für den Wohlstand, der in Deutschland heute nur noch verwaltet wird", resümierte Bohlen.

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