Ärzte Zeitung online, 09.09.2015

Neue Präparate

Verordnungen variieren regional sehr stark

Der Innovationsreport der TK nimmt neue Medikamente des Jahres 2012 unter die Lupe: Dass die AMNOG-Bewertung und die Verordnungspraxis der Ärzte oft wenig miteinander zu tun haben, treibt die Kasse und die Industrie um.

Von Florian Staeck

Verordnungen variieren regional sehr stark

Arznei-Innovationen unter der Lupe.

© [M] sth

BERLIN. Der Transfer der Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung an den verordnenden Arzt bleibt eine ungelöste Baustelle. Das geht aus dem "Innovationsreport 2015 " der Techniker Krankenkasse hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt worden ist.

Die TK hat für den Report 19 neue Wirkstoffe und Wirkstoffkombination des Jahres 2012 bewerten lassen. Ein Team um den Bremer Pharmakologen Professor Gerd Glaeske ermittelte dabei einen Score, der drei Kriterien berücksichtigte: Verfügbare (alternative) Therapien, den Zusatznutzen sowie die Kosten des Präparats.

Übersetzt in ein Ampelmodell erhielt nur ein Wirkstoff die Farbe "grün". Sieben Präparaten wurde ein "gelb" attestiert, zwölf Mal wird ein neues Medikament als "rot" gekennzeichnet.

Der "AMNOG-Jahrgang" 2012 habe kaum "therapeutische Innovationen" hervorgebracht, heißt es.

Harsche Kritik des vfa

Der mittlerweile dritte Report dieser Art stieß beim Verband forschender Arzneimittelhersteller auf harsche Kritik. Es sei "irrational und unverständlich", dass die GBA-Bewertungen durch eigene, abweichende Bewertungen ersetzt würden, sagte vfa-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer.

Der Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) verwies darauf, dass seit Start des AMNOG bereits 19 neue Medikamente - unter anderem nach abgebrochenen Preisverhandlungen - nicht mehr auf dem deutschen Markt verfügbar sind, sodass die Therapievielfalt des Arztes eingeschränkt werde, so der BPI.

Einig sind sich die Autoren des TK-Reports und ihre Kritiker darin, dass es insbesondere beim Transfer der Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung hakt.

Dies zeigt die sehr ungleiche Häufigkeit, mit der die neuen Arzneimittel im Jahr 2013 von Ärzten TK-Versicherten verordnet worden sind (siehe Deutschlandkarte): Bei den im Report mit "rot" gekennzeichneten Präparaten variiert die Verordnungsprävalenz zwischen 0,77 (Bremen) und 2,64 Promille der Gesamtverordnungen (Sachsen).

Inzwischen seien die Hälfte der 2012 neu auf den Markt gekommenen Medikamente in Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften aufgenommen worden. Leitlinien seien Umfragen zu Folge bei Ärzten die dritthäufigste Quelle zur Entscheidungsfindung bei der Verordnung. Die vom GBA veröffentlichten Ergebnisse zur Nutzenbewertung würden dagegen seltener als Informationsquelle genannt.

Umgekehrt monierte Birgit Fischer für die forschenden Firmen, ein vom GBA festgestellter Zusatznutzen bedeute noch lange nicht, dass dieser Fortschritt auch beim Patienten ankomme.

Ursachen sieht sie in einem "steigenden Rationierungsdruck" unter anderem durch die Arzneimittelsteuerung auf der KV-Ebene.

Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Mitherausgeber des TK-Reports, forderte, alle Akteure müssten "an einem Tisch" über Wege beraten, wie Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung besser für Ärzte aufbereitet werden könnten.

Baas geißelt geringe Einsparungen

TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baar attestierte dem AMNOG, auch im vierten Jahr nach dem Start nur auf "homöopathischem Niveau" für wirtschaftliche Entlastung zu sorgen - 2014 waren es 320 Millionen Euro.

Glaeske verwies darauf, dass von den insgesamt 20 neuen Präparaten nur 12 vollständig im Rahmen des AMNOG bewertet worden seien - in fünf Fällen handelte es sich um Orphan Drugs, bei denen der Gesetzgeber den Zusatznutzen unterstellt, bei weiteren Präparaten war das zu erwartende Verordnungsvolumen zu gering.

Die TK-Autoren bezeichneten die Sonderregelung für Orphan Drugs als "Fehler der Vergangenheit", der korrigiert werden müsse.

Ludwig warnte vor einem Trend zur "Orphanisierung": 2014 seien "zehn von zehn" neuen Onkologika "Waisenmedikamente" gewesen, in der EU galt dies für fünf der zehn neuen Krebsmedikamente.

Erfreut zeigte sich der Onkologe über die zunehmende Befristung von GBA-Beschlüssen zur frühen Nutzenbewertung.

Entscheidend, so Ludwig, sei allerdings die Frage, was passiert, wenn der Hersteller nach dem Ende der Befristung nicht die geforderten zusätzlichen Studien beibringt.

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