Ärzte Zeitung, 15.04.2016

Blockbuster-Preisbremse und Co.

Pharmadialog bringt wichtige Ergebnisse für Ärzte

Legen Sie die Buchhalterbrille weg, konzentrieren Sie sich auf ihre medizinische und ärztliche Expertise! Das könnte für Ärzte die wichtigste Schlussfolgerung aus den Ergebnissen des Pharmadialogs sein.

Ein Leitartikel von Helmut Laschet

BERLIN. Beim Pharmadialog saßen die Ärzte mit ihren Organisationen - anders als der GKV-Spitzenverband und der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) - nicht einmal als zeitweilig geladene Gäste am Katzentisch.

Gleichwohl sind Teilergebnisse des Dialogs und ein ergänzend dazu von der Arbeitsgruppe Gesundheit der Regierungsfraktionen erstelltes Grundlagenpapier zu einer noch in diesem Jahr anstehenden Novellierung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes von 2010 für Ärzte von hoher praktischer Bedeutung.

Weniger Transparenz - wie relevant ist das?

Das gilt auch und gerade für zwei in der Öffentlichkeit kritisch betrachtete Veränderungen: die Umsatzbremse für Blockbuster, die schon im ersten Jahr nach Markteinführung und vor Vereinbarung oder Festlegung eines Erstattungsbetrages greifen soll; ferner die Vertraulichkeit des Erstattungsbetrages.

Mit der Umsatzbremse wird das Ausgabenrisiko für die Krankenkassen begrenzt und kalkulierbarer gemacht. Hier greift nun ein Prinzip, das Ärzte aus Zeiten des floatenden Punktwertes kennen.

Bei neuen, besonders erfolgreichen Arzneimitteln kann es künftig zu einem floatenden Preis kommen - die Industrie übernimmt damit ein Teil des Morbiditätsrisikos, das sie dann verkraften kann, wenn steigende Absatzmengen mit sinkenden Grenzkosten einhergehen.

Daraus folgt aber, dass Ärzte die Kostenwirkung ihrer Verordnung nicht mehr kennen können - und dafür auch nicht verantwortlich gemacht werden dürfen.

Die Kostensteuerung wird sich künftig auf einer anderen Ebene - zwischen Herstellern und GKV-System - abspielen. Wie dies konkret funktioniert, muss in dem in den nächsten Monaten folgenden Gesetzgebungsverfahren erarbeitet werden.

Damit verliert aber auch die öffentlich kontrovers diskutierte Vertraulichkeit der Rabatte und des Erstattungsbetrages an Brisanz.

Natürlich geht die Transparenz über Arzneimittelpreise für die Öffentlichkeit oder für den Endverbraucher Patient verloren. Preistransparenz bei Arzneimitteln, die hier zur Diskussion stehen, hat aber für Patienten genauso wenig Relevanz wie Transparenz über die Höhe der vom Krankenhaus abgerechneten DRGs.

Ärzte in der Verantwortung

Gleichwohl bleiben Ärzte in der Verantwortung: für den zielgerichteten Einsatz innovativer Arzneimittel durch eine korrekte, möglichst evidenzbasierte Indikationsstellung.

Nach nun fast fünfjähriger Erfahrung mit frühen Nutzenbewertungen lässt sich sagen: Der Informationstransfer mit den Publikationen des IQWiG und des Gemeinsamen Bundesausschusses - gutachterliche Empfehlungen, Beschlusstexte des GBA und tragende Gründe des Beschlusses - zu den verordnenden Ärzten funktioniert unzulänglich.

Das Argument, kein Arzt könne die schiere Menge der bislang erfolgten 178 Nutzenbewertungen samt ihrer Begründungen erfassen, sticht nicht. Differenziert man die Nutzenbewertungen nach den jeweiligen medizinischen Fachgebieten, dann können sich allenfalls Onkologen über eine schwer zu bewältigende Informationsmenge beklagen.

Für Hausärzte lässt sich die Zahl der für sie relevanten Nutzenbewertungen pro Jahr durchweg an den Fingern einer Hand abzählen.

Die Erwartung der Politik ist klar: Der Bundesausschuss, die KBV und die KVen sind in der Pflicht, für Ärzte geeignete Informationsinstrumente zu schaffen.

Konkretisierung der Antibiotika-Strategie

Auch in einem anderen Punkt war der Pharmadialog alles andere als "Palaver mit kleinem Ergebnis", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" urteilte: die weitere Konkretisierung der G7-Strategie gegen Antibiotikaresistenzen, die unter der deutschen Präsidentschaft im Juni 2015 unter den führenden Industrienationen vereinbart worden ist.

Diese Strategie erfordert das Zusammenwirken vieler Beteiligter auf vielen Feldern: der Gesundheits-, Forschungs- und Agrarpolitik, der Human- und Veterinärmedizin. Akteure sind Arzneimittel- und Diagnostikahersteller, der Bundesausschuss, Kassen und KBV im Bewertungsausschuss - und am Ende der Kette die in der Patientenversorgung tätigen Ärzte.

Nötig ist die Entwicklung neuer Arzneimittel und neuer Diagnostika, deren Zulassung und Erstattungsfähigkeit gesichert sein müssen.

Das erfordert eine Korrektur der Rahmenbedingungen vom erweiterten Patentschutz für Innovationen über beschleunigte Zulassungen bis zur Erstattung in der Versorgung.

Die Qualität des Pharmadialogs besteht darin, die verschiedenen Aspekte von Problemstellungen zusammenzuführen.

Bestärkt durch die Prioritätensetzung einer Naturwissenschafts-affinen Kanzlerin und ihr Verständnis für eine wichtige High-Tech-Branche hat der Rheinländer Hermann Gröhe mit dem Pharmadialog ein Stück rheinischen Kapitalismus wiederbelebt, der durch Pragmatismus und Kompromissfähigkeit in politischen und ökonomischen Prozessen bestimmt ist.

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