Ärzte Zeitung, 21.06.2016

Wirksamkeit der Homöopathie

Streit ohne Ende

Bringt Homöopathie Heilung oder ist doch alles nur Humbug? Wie Homöopathie wirkt, bleibt ein Rätsel. Aber gibt es einen methodischen Paradigmenwechsel unter Homöopathen?

Von Norbert Schmacke

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Viele Patienten schwören auf Homöopathie, Wissenschaftler können sich die Wirkung aber naturwissenschaftlich meistens nicht erklären. Ob bzw. warum Globuli wirken, bleibt ungeklärt.

© hl-studios / Thinkstock

Neue Runde im Streit um Globuli - so titelt die Deutsche Presseagentur (dpa) nach dem Homöopathiekongress in Bremen, bei dem die Wissenschaftliche Gesellschaft für Homöopathie WissHom am 28. Mai einen Forschungsreader vorgestellt hat.

Nun wird mancher abwinken und denken: Es reicht, wir haben Wichtigeres zu tun. Es ist aber trotzdem lohnend, WissHom zuzuhören. Die jüngste Botschaft heißt nämlich: "Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen der homöopathischen Behandlung.

Die Ergebnisse zahlreicher placebo-kontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung potenzierter Arzneimittel." https://www.dzvhae.de/homoeopathie-presse/pressemitteilungen/.

Keine einzige neue Studie

Wenn man den Forschungsbericht ganz liest, so findet man dann die Forderung nach mehr Mitteln für Versorgungs- und Grundlagenforschung: déjà vu. Denn in dem Reader taucht keine einzige neue Studie auf, die nicht in allen internationalen Studienbewertungen längst als untauglich eingestuft worden wären.

Zur Erinnerung: Das englische Unterhaus ließ 2009 einen Evidenzbericht erstellen, der u.a. zu folgenden Ergebnissen kam: 1. Homöopathie ist Placebopräparaten nicht überlegen. 2. Die Tatsache, dass Patienten über Behandlungserfolge berichten, beweist nicht das Gegenteil. 3. Die Finanzierung der Homöopathie durch den NHS soll beendet werden.

Wo immer unabhängige Wissenschaftler nach dem Nutzen der Homöopathie gefragt worden sind, so zuletzt 2015 in Australien, lautet die Antwort: es gibt keinen.

Mit welchen Erkenntnissen möchte dieser Forschungsbericht die Fachwelt denn überzeugen? Nehmen wir das Kapitel zu Metaanalysen, die angeblich alle die Überlegenheit von Homöopathie gegenüber Placebo belegen. Erster Beleg ist die Studie von Linde u.a. aus dem Jahr 1997, die immer wieder gern pro Homöopathie zitiert wird.

Wirkung "höchst unplausibel"

Einziger Fehler: der Erstautor schrieb 2005 nach ermüdenden Auseinandersetzungen in einem Brief an den "Lancet": "Unsere Metanalyse von 1997 wurde unglücklicherweise von Homöopathen als Beleg für die Wirksamkeit der Homöopathie missbraucht… Wir stimmen zu, dass die Homöopathie höchst unplausibel ist und dass die Belege aus placebokontrollierten Studien nicht überzeugend sind" (Linde, Klaus et al.: Lancet 2005; 366, 2081-2).

Jüngster Beleg: Die Studie von Mathie von 2014. Was sagen die Autoren selber? "Die niedrige oder unklare Qualität der vorliegenden Evidenz erfordert Vorsicht bei der Interpretation der Befunde. Neue methodisch hochwertige randomisierte kontrollierte Studien sind erforderlich, um eindeutigere Interpretationen zu ermöglichen" (Mathie, R.T. et al.: Systematic Reviews 2014, 3:142, 1-16).

Paradigmenwechsel in der Homöopathie?

Ich halte fest: Während Homöopathen früher immer vertreten haben, ihr Konzept ließe sich nicht mit den reduktionistischen Methoden der naturwissenschaftlichen Medizin bewerten, stützen sie sich jetzt auf die früher verpönten randomisierten kontrollierten Studien. Sie haben es auch schon geschafft, in zahlreichen Kliniken und sogar an manchen Universitäten Fuß zu fassen.

Es ist höchste Zeit, wieder Hans Christian Andersen's "Des Kaisers neue Kleider" zu lesen und nach dem Kind zu suchen, das in diesem wunderbaren Märchen ausruft: "Aber er hat ja gar nichts an!". Erst da stimmt das ganze Volk ein. Und auch der Kaiser begreift, dass er nackt ist, so Andersen.

Wenn die Homöopathen das genaue Gegenteil für bewiesen halten, kann der Gesetzgeber doch endlich den Schutzzaun abbauen, der im Arzneimittelgesetz und im Sozialgesetzbuch heute noch um die besonderen Therapierichtungen aufgebaut ist. Was spricht dagegen?

Professor Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen hat im vergangenen Jahr ein Buch zum Thema Homöopathie veröffentlicht: "Der Glaube an die Globuli. Die Verheißungen der Homöopathie", Suhrkamp, Frankfurt am Main.

[24.06.2016, 09:14:05]
Edmund Berndt 
Aufklärung wozu?
Eine heilende Wirkung gleich der Homöopathie kann auch das Schwenken eines Affenknochens über einem verrenkten Knie entfalten. Weil aber Magie und magische Brimborien nur in den entsprechenden Kulturkreisen beeindrucken können, wirkt das Schwenken von Affenknochen bei uns nicht mehr bzw. noch nicht schon wieder. Aber auch das lässt sich wie die Homöopathie zertifizieren und lehren und wenn dann auf einmal genügend Bedarf angeleiert worden ist, darf man davon ausgehen, dass auch das bei uns noch wirken wird. Dann endlich werden wir von der unseligen Aufklärung und den Errungenschaften der Naturwissenschaften wieder befreit sein und wir können den Aberglauben auch wieder in anderen Gebieten als für wahr, erwiesen und kausal wirksam zulassen.
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[22.06.2016, 09:48:40]
Joseph Kuhn 
Binnenkonsens: unnötiges Privileg
In der Tat: Wenn Wirkungen mit wissenschaftlichen Methoden nachweisbar sind, braucht es den Binnenkonsens nicht, wenn sie nicht nachweisbar, braucht es die ganze Therapierichtung nicht. Aber wie üblich wird man darauf mit der bewährten Trias des verdünnten Denkens reagieren: 1. Die Schulmedizin solle erst einmal vor ihrer eigenen Tür kehren. 2. Nur weil man nicht wisse, wie etwas wirkt, heiße das nicht, es wirke nicht. 3. Da viele Menschen die homöopathische Behandlung als Alternative wünschen, gehöre sie auch ins Angebot. Und wie der Rest der Pharmabranche hat auch die Homöopathie ihre Mietmäuler, die das treuherzig blinzelnd für der Weisheit letzten Schluss ausgeben. zum Beitrag »

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