Ärzte Zeitung, 17.10.2016

Arzneifälschungen

Massiver Schaden für die europäische Pharmabranche

Original oder Fälschung? Ein EU-Bericht zeigt, wie viele Medikamente gefälscht werden. Ergebnis: In Osteuropa werden besonders viele Arzneimittel nachgeahmt.

Von Matthias Wallenfels

Massiver Schaden für die europäische Pharmabranche

Imitationen sind oft gut gemacht – manchmal aber auch einfach zu durchschauen.

© nito / fotolia.com

Gefälschte Arzneien schädigten die europäische Pharmaindustrie im vergangenen Jahr mit einer Summe in Höhe von 10,2 Milliarden Euro – 4,4 Prozent aller rechtmäßig verkauften Arzneimittel in der EU zu Großhandelspreisen.

Das geht aus einem aktuellen Bericht des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) in Alicante hervor. Wie das EUIPO hinweist, ließen sich diese Umsatzeinbußen direkt in einen Beschäftigungsrückgang umrechnen.

Fast 38.000 Arbeitsplätze durch Fälschungen verloren

Demnach gingen geschätzt 37.700 Arbeitsplätze verloren. Einfuhreffekte würden bei dieser Zahl nicht berücksichtigt, da die zugehörigen Folgen für die Beschäftigung in diesen Fällen außerhalb der EU aufträten. Auch die Einbußen der EU-Hersteller aufgrund nachgeahmter Produkte auf Märkten in Nicht-EU-Ländern würden hier nicht untersucht.

Die größten absoluten Auswirkungen der Fälschungen sind laut EUIPO in Italien (1, 59 Milliarden Euro) und Spanien (1, 17 Milliarden Euro) zu beobachten, wo die relativen auf Arzneimittelfälschungen zurückzuführenden Umsatzeinbußen über dem EU-Durchschnitt liegen (5 Prozent und 5,9 Prozent).

Deutschland und Frankreich weisen einen relativ geringen Umsatzverlust auf, der mit drei Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 4,4 Prozent liegt, mit absoluten Auswirkungen von ungefähr einer Milliarde Euro pro Land.

In Großbritannien liegen die relativen fälschungsbedingten Umsatzeinbußen mit einem Gesamtumsatzverlust in Höhe von 605 Millionen Euro mit 3,3 Prozent unter dem EU-Durchschnitt.

Spitzenfälscherland Bulgarien

Besonders auffällig: Spitzenreiter bei Arzneifälschungen sind gerade osteuropäische Länder mit einer relativ kleinen Pharmaindustrie. So kommt Bulgarien als EU-Spitzenreiter auf eine Schadensquote von 17,6 Prozent, gefolgt von Rumänien mit 16,6 Prozent und Ungarn mit 13,1 Prozent.

Die relativen Umsatzeinbußen in Finnland und Schweden weichen nicht wesentlich von null ab, was bedeutet, dass kein statistischer Nachweis dafür vorliegt, dass die Umsätze in diesen beiden Ländern durch Fälschungen beeinträchtigt werden, so das EUIPO.

Dies bedeute jedoch nicht, dass ihre pharmazeutischen Industrien nicht durch Arzneimittelfälschungen beeinträchtigt würden – schließlich verzeichneten diese Länder infolge des Vorhandenseins von gefälschten Arzneimitteln in den Märkten anderer EU-Mitgliedstaaten Umsatzeinbußen.

Das Spektrum der gefälschten Arzneien ist in Europa groß. "Wir wissen aufgrund von Analysen der Weltgesundheitsorganisation, dass sowohl Generika als auch innovative Arzneimittel gefälscht werden, von Krebstherapeutika bis hin zu preiswerten Schmerzmitteln", so António Campinos, Exekutivdirektor des EUIPO.

Solche Fälschungen könnten giftig sein und eine ernste Gefahr für die Gesundheit darstellen, ergänzt er.

Der größte Hersteller von Arzneimitteln in der EU ist laut EUIPO Deutschland (41 Milliarden Euro), gefolgt von Irland (26 Milliarden Euro), Frankreich (25 Milliarden Euro ) und Italien (20 Milliarden Euro).

Diese Länder seien auch die größten Ausführer mit einer Handelsbilanz von 25 Milliarden Euro im Falle Deutschlands und 14 Milliarden Euro im Falle Irlands, wobei sich die Gesamtnettoausfuhren der 28 EU-Länder in Drittländer auf mehr als 54 Milliarden Euro beliefen.

Auch der Fiskus wird geprellt

Wie das EUIPO betont, geht mit den Arzneifälschungen nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein fiskaler Schaden einher.

"Geht man davon aus, dass die illegalen Hersteller und Händler ihre Tätigkeiten und den daraus resultierenden Erlös den Behörden nicht melden, können ebenso die Steuerausfälle, die sich aus dem Umsatz mit Arzneimitteln in Höhe von 10,2 Milliarden Euro ergeben, wie die Steuereinnahmen, die auf den vorstehend ermittelten (direkten und indirekten) Gesamtverlust von 17,3 Milliarden Euro entfallen, berechnet werden", heißt es in dem Bericht.

Zur EU-Arzneiindustrie gehören laut EUIPO mehr als 40 000 Firmen, von denen 3 000 Hersteller und die übrigen Unternehmen Großhändler sind. Die durchschnittliche Größe der Firmen unterscheide sich wesentlich zwischen den beiden Gruppen, wobei die Hersteller 150 und die Großhändler 15 Arbeitnehmer pro Unternehmen beschäftigten.

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