Ärzte Zeitung, 10.07.2013

Oberfranken

Mangelware Internist? Daran scheiden sich die Geister

Nach Darstellung der KV gibt es in Bayern keinen Versorgungsmangel. Trifft das auf alle Regionen zu? Ein Internist in Kronach warnt vor drohenden Engpässen in naher Zukunft.

Von Stefan Holler

Mangelware Internist? Daran scheiden sich die Geister

Internist Dr. Manfred Blinzler führt seine Praxis in Kronach seit 35 Jahren. Die aktuellen Entwicklungen bereiten ihm aber Bauchschmerzen - besonders wenn es um die Bedarfsplanung und deren Folgen geht.

© Holler

KRONACH. Mangelt es im oberfränkischen Kronach an Internisten? Nein, weder nach der alten, noch nach der ab Juli greifenden, neuen Bedarfsplanungsrichtlinie, so die Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Doch, den Mangel gibt es schon seit langer Zeit, kontert Dr. Martin Blinzler, in Kronach niedergelassener Internist.

1978 war für Blinzler die Welt in Ordnung. Es war das Jahr, in dem er als jung ausgebildeter fachärztlicher Internist seine erste eigene internistische Praxis eröffnete - in Kronach, einer Kleinstadt mit rund 17.000 Einwohnern, in der er auch aufwuchs und zur Schule ging. Nach dem Medizinstudium in Würzburg, Promotion und Facharztausbildung zum Internisten stand ihm eine Vielfalt an Karrieremöglichkeiten offen.

Die angebotene Stelle als Chef einer Klinik schlug er aus - "weil mir das freie Unternehmertum, wo ich mein Arbeitsfeld selbst gestalten kann, wesentlich attraktiver erschien. Der direkte Kontakt mit Patienten war und ist mir unheimlich wichtig", betont Blinzler.

Sorge um die Praxisnachfolge

Bereut hat er seine Entscheidung zur Niederlassung bis heute nicht. Doch wenn er an eine mögliche Nachfolge für seinen Praxissitz im Facharztzentrum Kronach denkt, kommen dem Mediziner Sorgenfalten in die Stirn. Er weiß, sehr viel Zeit steht ihm angesichts seines fortgeschrittenen Alters für die Suche nach einem potenziell geeigneten Kandidaten nicht mehr zur Verfügung.

Doch Blinzler macht  sich nicht nur Gedanken um die Zukunft seines Facharztzentrums, das in der Kronacher Altstadt zu einer wichtigen Anlaufstelle für Diabetiker mit Typ 1 oder 2 geworden ist.

Ihm ist die künftige medizinische Versorgungssituation im Landkreis Kronach ein grundsätzliches Anliegen. Im Imageverein "Kronach Creativ" ist Blinzler im Arbeitskreis "Gesundheitswesen im Landkreis" engagiert.

"Wir haben dieses Thema dort häufig diskutiert und zuletzt ältere Kollegen angeschrieben, inwieweit sie einen Nachfolger suchen. Da war keine Bereitschaft ersichtlich", sagt Blinzler resigniert. "Jeder köchelt vor sich hin in der Hoffnung, er bekommt jemanden, um ja nicht den potenziellen Nachfolger dem anderen zu überlassen."

In den vergangenen Jahren seien im Raum Kronach etliche Praxen ohne Nachfolger geschlossen worden. Derzeit sind sieben Internisten im Landkreis Kronach niedergelassen. Laut Versorgungsatlas 2010 der KVB weist diese Region bei den Facharzt-Internisten einen Versorgungsgrad von über 400 Prozent aus.

Ab dem 1. Juli 2013 werden mit der neuen Bedarfsplanungsrichtlinie die Planungsbezirke in Bayern für diese Berufsgruppe vergrößert. Der Landkreis Kronach gilt damit weiterhin als überversorgt.

Versorgungslage wie in den 50ern

"Das Problem bei der Einführung der Bedarfsplanung war, dass man den damaligen Versorgungsgrad, also den Ist-Zustand, als gewünschtes Soll definiert hat", kommentiert Blinzler. Dadurch ergebe sich die paradoxe Situation, dass von sieben Internisten im Landkreis Kronach offiziell fünf zu viel seien - nach dem alten Bedarfsplan stehen nur zwei Plätze zur Verfügung.

Eine Unterversorgung in der Region entsteht erst, wenn nur ein Internist praktiziert. "Wir haben hier eine internistische Versorgungslage wie in den fünfziger Jahren", so Blinzler.

Mit den ärztlichen Berufsverbänden und Körperschaften hadert Blinzler gelegentlich. Dabei war er dort selbst viele Jahre berufspolitisch aktiv - in den neunziger Jahren unter anderem stellvertretender Bezirksvorsitzender der KV Oberfranken und Vorstandsmitglied in der KVB.

Bis Ende 2012 hatte er noch den stellvertretenden Vorsitz im Bundesverband Medizinischer Versorgungszentren inne.

Nachwuchsmangel war absehbar

"Während meiner Tätigkeit habe ich erlebt, dass die etablierten Verbände und KVen in den meisten Bundesländern mit dem Thema Ärztemangel sehr restriktiv umgegangen sind. Dabei war bereits vor einem Jahrzehnt klar zu erkennen, in welche Situation wir in der ärztlichen Versorgung im ambulanten und stationären Bereich zusteuern werden".

Kassen würden ja heute noch behaupten, es gebe zu viele Ärzte in Deutschland. Das stimme zwar zahlenmäßig nach dem statistischen Durchschnitt. Doch angesichts bekannter Faktoren wie demografischem Wandel und Abwanderungstendenzen in der gesamten Bevölkerung des ländlichen Raumes sei bereits jetzt ein regionales Versorgungsdefizit zu erkennen.

Im Landkreis Kronach müssten ältere Patienten in den Dörfern schon jetzt längere Anfahrten in Kauf nehmen. Belastend für die Betroffenen sei neben der schlechten Verkehrsanbindung auch die Tatsache, dass Kassen nur in Ausnahmefällen Transportkosten übernehmen.

Gespräche mit Kassen über dieses Problem seien frustrierend. "Auch die Politik weist auf die bestehenden Gesetze hin. Es ist offenbar noch nicht  genug Dampf im Kessel, damit die Politik merkt, dass sich etwas ändern muss."

Aufgabe von Bund und Land müsse es sein, so Blinzler, Bayern so attraktiv zu machen, dass die Abwanderung aufhört.

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