Ärzte Zeitung online, 01.10.2013

IW-Studie

Forscher finden keinen Ärztemangel

Ärztemangel - die Drohung vor krassen Versorgungslücken im Land geistert durch die deutsche Medizin. Ökonomen haben jetzt auf ihre Weise nachgerechnet - und den drohenden Mangel vergebens gesucht.

Von Florian Staeck

Ärztemangel? Für Forscher kein Thema in Deutschland

Zahlenmäßig bedeutsame Fluchtbewegungen von Ärzten in andere Ländern gibt es nicht, konstatieren Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft.

© imago/imagebroker

KÖLN. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) widerspricht der Annahme, es gebe jetzt oder in den nächsten 15 Jahren einen Ärztemangel in Deutschland. Das schließe nicht aus, dass es regional oder in bestimmten Fachgruppen Engpässe geben könne.

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie die Altersstruktur der aktiven Humanmediziner mit den nachrückenden Kohorten von Absolventen verglichen. Demnach werden bis 2015 rund 7700 Humanmediziner aus dem Erwerbleben ausscheiden.

Sie kommen dabei zu der Schlussfolgerung, dass der "demografiebedingte Ersatzbedarf an Ärzten gedeckt werden" könne, und zwar "problemlos". Dies gelte auch nach dem Jahr 2026, wenn jährlich 11.000 Mediziner ausscheiden. Grund dafür seien zum einen die durchschnittlichen Absolventenzahlen in der Humanmedizin, die bei jährlich über 10.000 liegen.

Hinzu kommt zum anderen der positive Wanderungssaldo von rund 7000 Medizinern im Jahr (Stand 2010). Anders als vielfach angenommen, kämen pro Jahr mehr Mediziner nach Deutschland, als auswandern.

Im Jahr 2010 seien hierzulande 31.000 Ärzte beschäftigt gewesen, die mit einem im Ausland erworbenen Abschluss zugewandert sind, heißt es in der Studie. Darunter seien auch viele "deutsche Numerus-clausus-Flüchtlinge". Im selben Jahr seien dagegen 24.000 in Deutschland ausgebildete Ärzte im Ausland tätig gewesen.

Volkswirtschaftlicher Zugewinn

Die IW-Autoren Dr. Vera Demary und Dr. Oliver Koppel verweisen als Beleg für ihre These auch auf Absolventenerhebungen des Hochschul-Informationssystems (HIS). Demnach seien nur rund fünf Prozent der Mediziner des Absolventenjahrgangs 1997 zehn Jahre später im Ausland tätig gewesen. Dieser Anteil liege unter den entsprechenden Quoten bei Ingenieuren oder Wirtschaftswissenschaftlern.

Zwei Drittel der Absolventen war eine Dekade später sogar noch im gleichen Bundesland ihrer Hochschule tätig, heißt es. Fazit der IW-Studie: "Der positive Wanderungssaldo von Medizinern weist daher auf insgesamt attraktive Arbeitsbedingungen in Deutschland hin".

In früheren Studien ist der volkswirtschaftliche Nettoverlust in Form von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen im Falle der Abwanderung einer 30-jährigen Ärztin über das gesamte Erwerbsleben mit 1,075 Millionen Euro angegeben worden.

Dies zum Maßstab genommen, hat Deutschland im Umfang von "mindestens fünf Milliarden Euro" durch die Zuwanderung von Ärzten in der Vergangenheit profitiert.

Fehlten regional Ärzte, so die Schlussfolgerung, sei das kein Problem der quantitativen Verfügbarkeit von Ärzten, "sondern ein Problem von deren Verteilung im Bundesgebiet".

[01.10.2013, 16:22:04]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Brain drain" beim IW?
Jeder Schüler im SOWI-Leistungskurs arbeitet mit aktuelleren Zahlen als das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Das IW geht in Tabelle 1 seiner aktuellen Publikation von 373.300 erwerbstätigen Humanmedizinern im Jahr 2010 aus. Davon seien 56,2% Männer (209.600), 43,8% Frauen (163.500). In Vollzeit tätig 321.000 (85,9%), in Teilzeit tätig 52.000 (14,1%). Freiberuflich 133.400 (35,8 %), in einem Arbeitsverhältnis tätig 239.700 (64,2%). Im ausgebildeten Beruf als Humanmediziner und im Gesundheitswesen tätig („Ärzte“) waren 2010 insgesamt 86,3% (322.000). N i c h t im Beruf als Humanmediziner oder nicht im Gesundheitswesen waren 13,7% (51.200). Ach, und noch etwas war dem IW besonders wichtig: 48,6% der Mediziner seien unabhängig von Altersverteilung und Berufspraxis ohne Promotion.

Die Existenz eines zeitnah geführten, verbindlichen Ärzteverzeichnis und eines Dezernenten für ärztliche Beschäftigungs- und Versorgungstatistik bei der Bundesärztekammer (BÄK) in Berlin ist den IW-Autoren Dr. Vera Demary und Dr. Oliver Koppel offensichtlich entgangen. Hier die Aktuellen Zahlen zum 31.12.2012: Als Gesamtzahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland werden allerdings in der Statistik alle 459.000 geführt, auch diejenigen deren Ausscheiden durch Tod noch nicht gemeldet wurde. Doch als b e r u f s t ä t i g e Ärztinnen und Ärzte werden nur 348.700 gezählt. Das sind immerhin 6,59 Prozent w e n i g e r als im Jahr 2010. Im ambulanten Bereich waren 144.100, im stationären Bereich 174.800 tätig; bei Behörden oder Körperschaften 9.600. Im nicht-ärztlichen Bereich waren 20.200 Ärzte/-innen gemeldet.

Als freiberuflich niedergelassene Ärzte gab es zum Ende letzten Jahres 123.200 Kollegen. Das sind schon 7,65 Prozent w e n i g e r als vom IW angegeben. Bei den GKV-Vertragsärzten gibt es leider nur eine Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zum 31.12.2010: Danach waren in Deutschland 60.397 Vertragsärzte hausärztlich und 78.075 fachärztlich tätig (einschließlich MVZ und angestellte Ärzte mit Vertragsarztzulassung).
http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Stat12Abbildungsteil.pdf
http://www.kbv.de/media/sp/Grunddaten_2011.pdf
Verräterisch ist auch der IW-Studientitel: "Der Arbeitsmarkt für Humanmediziner und Ärzte in Deutschland – Zuwanderung verhindert Engpässe". Damit wird für den objektiv urteilenden Leser das faktische Vorhandensein von Versorgungs-E n g p ä s s e n offenkundig, wenn nicht eine erhebliche Mediziner-Zuwanderung nach Deutschland diesen Mangel verhindern müsste. Wenn das kein echter "brain drain" nicht nur beim IW ist?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[01.10.2013, 08:48:05]
Pascal Nohl-Deryk 
Dafür braucht es kein Institut.
Für eine so simple Milchmädchen-Rechnung braucht es wirklich kein Institut, das kann jeder mit den Stammdaten der KVen nachvollziehen.

Was wissenschaftlich wirklich interessant ist, also der Anteil der klinisch Tätigen, die Vollzeitäquivalente, das inverse care law, und so weiter lässt das Institut einfach weg. So eine Veröffentlichung ist wirklich peinlich. zum Beitrag »

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