Ärzte Zeitung, 14.02.2014

Gerlach fordert

Ran an die Überversorgung!

Grund für die Fehlversorgung im Gesundheitswesen sind falsche Anreize, sagt der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach. Er fordert einen Kurswechsel.

MÜNCHEN. Für die Sicherstellung und Stärkung der Hausarztmedizin hat sich der Vorsitzende des Sachverständigenrates Professor Ferdinand Gerlach ausgesprochen.

Die "eklatante Überversorgung" bei den ambulanten Fachspezialisten und im stationären Bereich müsse abgebaut werden, um so Mittel für eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung freizusetzen, forderte Gerlach beim BKK Tag 2014 der bayerischen Betriebskrankenkassen in München.

Hauptkostentreiber im Gesundheitswesen seien der medizinische Fortschritt, die Ausweitung des Leistungsangebots sowie die Steigerung von Mengen und Preisen. Erst an dritter Stelle stehe der demografische Wandel, der für etwa ein Viertel der Ausgabenzuwächse ursächlich sei.

Eine Besonderheit des deutschen Gesundheitswesens sei die hohe Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte in der ambulanten Versorgung. Nach der Statistik habe jeder Einwohner 17,9 Arztkontakte pro Jahr, davon nur 7,1 Kontakte mit Allgemeinärzten, berichtete Gerlach.

Konkret bedeute dies: An einem beliebigen Montag sitzen fast acht Prozent der Bevölkerung in den Wartezimmern der niedergelassenen Ärzte. Dabei seien Zahnärzte und Kieferorthopäden noch gar nicht eingerechnet, so Gerlach.

Zwischen 1993 und 2012 sei die Zahl der Fachärzte um fast 57 Prozent gestiegen, während sich die Zahl der Hausärzte im gleichen Zeitraum um zehn Prozent verringert habe. Dies könne auf Dauer so nicht weitergehen.

Denn die Grundversorgung sei die Basis jedes erfolgreichen Gesundheitssystems. Tatsächlich sei jedoch vor allem im ländlichen Raum die hausärztliche Versorgung massiv gefährdet. In der Palliativmedizin gebe es große Lücken und auch in der Pflege zeichne sich Fachkräftemangel ab.

Auf der anderen Seite gebe es in vielen Bereichen Überversorgung, wie etwa bei der Versorgung mit Endoprothesen, bei Wirbelsäuleneingriffen oder bei Linksherzkatheter-Untersuchungen, erklärte Gerlach. Bei den Krankenhausbetten liege Deutschland in Europa an der Spitze.

Ursache von Über-, Unter- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen seien vielfach falsche finanzielle Anreize, die mengensteigernd wirken, falsche Angebotskapazitäten sowie die sektorale Trennung bei mangelhafter Koordination. Dabei könne man den Ärzten keinen Vorwurf machen, denn "sie machen genau das, was angereizt wird", sagte Gerlach.

Ziel müsse deshalb sein, künftig den Qualitätswettbewerb zu stärken. Jeder Euro, der nicht bedarfsgerecht eingesetzt wird, fehle an anderer Stelle, mahnte Gerlach. (sto)

[16.02.2014, 23:48:40]
Dr. Peter J. Preusse 
Lufthoheit über den Arztpraxen
"Dabei könne man den Ärzten keinen Vorwurf machen, denn 'sie machen genau das, was angereizt wird', sagte Gerlach." Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswsesens - in der Zeit habe ich normal schon die erste Verdachtsdiagnose parat - Professor Gerlach eben, fährt also fort, den pauschalen Vorwurf unärztlichen Verhaltens gegen die Masse ärztlicher Kollegen zu erheben, und zwar im Schutz seines Beamten-Amtes mit besonderer Treuepflicht gegen den Verordnungsgeber, der eben jene Anreize gesetzt hat und jetzt unter der Lenkung seiner besonderen Weisheit eben andere setzen soll. Könnte es etwa sein, dass gerade er „genau“ das tun, was in seiner Karriere angereizt wird? Keiner bestreitet die Realität wirtschaftlicher Motivation als Co-Faktor. Aber unter dem selbstmontierten Heiligenschein der objektiv gültigen Erkenntnis des richtigen Masses z. B. in der Endoprothesen-„Versorgung“ die Ausschliesslichkeit des Reiz-Reaktionsschemas zu behaupten, ist ein untrügliches Anzeichen eines Gemütszustandes, den man gemeinhin Grössenwahn nennt und der wiederum unabdingbare Voraussetzung der Eignung zur Herrschaft ist. Wir Ärzte lassen uns nicht diffamieren als primär egoistisch-monetär motivierte Profitmaximierer, sondern nehmen für uns in Anspruch, grosso modo nach bestem Wissen und ärztlicher Pflicht zum Nutzen unserer Patienten zu handlen. Dabei lassen wir uns sehr gerne beraten und haben grosses Interesse daran, die komplexen Evidenzerkenntnisse im Sinne einer wissenschaftlichen Dienstleistung praxisgerecht aufbereitet zu bekommen, um sie so in unsere Arbeit integrieren zu können.
Bedarf an Bevormundung haben wir nicht, und darüber, was zu viel und zu wenig ist, kann es naturgemäss keine allein richtige Erkenntnis geben und alle Studienlagen geben nur den derzeitigen Stand des Irrtums wieder, der in der Regel nach wenigen Jahrfünften als überholt gilt. Nur die Einbindung aller Interessen des Patienten und des Arztes in die Kosten- und Nutzen-Abwägung einer medizinischen Massnahme ist geeignet, eine bedarfsgerechte Verteilung der von den Patienten erarbeiteten Mittel auf alle seine Bedürfnisse, wie unter anderen auch medizinische und hier z.B. auch endoprothetische Leistungen, zu erreichen. Aber da wäre halt die Funktion der Weisen auf die Weisheit beschränkt, wo doch die Herrschaft so viel mehr Lust- und Machtgewinn bringt.
Alsdann, ran an den Übermut der Regulierer!

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