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Ärzte Zeitung, 09.05.2014

Leitartikel zu Versorgung auf dem Land

Scheitern die Leuchttürme am Verkehr?

Versorgungsprobleme in ländlichen Regionen sind nicht zuletzt Transportprobleme. Das beste medizinische Angebot nutzt nichts, wenn die Patienten es nicht erreichen können. Damit kämpft das neue geriatrische KV-RegioMed-Zentrum in Templin.

Von Angela Misslbeck

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Regelmäßige Krankenfahrten mit dem Taxi können sich einige Patienten nicht leisten. Da die Kassen die Kosten oft nicht erstatten wollen, könnten Versorgungsprojekte auf dem Land scheitern.

© Andreas Franke/dpa

Kaum zu glauben: Nach jahrelanger Vorarbeit ist im Norden Brandenburgs im April ein sektorübergreifendes geriatrisches Versorgungsangebot für die breite Bevölkerung gestartet, doch manche Patienten können es nicht nutzen, weil sie sich die regelmäßigen Taxifahrten dorthin nicht leisten können.

Die Krankenkassen berufen sich auf die Richtlinie zur Übernahme von Fahrkosten und lehnen eine generelle Kostenübernahme für den dreiwöchigen ambulanten Behandlungszyklus ab. Zwei Patienten werden deshalb nun im benachbarten Krankenhaus stationär behandelt.

Die Mehrkosten im Vergleich zur ambulanten Therapie dürften für die Kassen deutlich höher ausfallen, als die rund 300 Euro Taxikosten, die sie sonst hätten übernehmen müssen.

Doch von vorne: Das geriatrische RegioMed-Zentrum in Templin ist im Dezember im Testbetrieb gestartet, seit Anfang April ist das Zentrum am Sana Krankenhaus Templin für die ambulante Regelversorgung geöffnet.

Niedergelassene Ärzte mit geriatrischer Spezialqualifikation halten dort Sprechstunden ab. Hausärzte können ihre multimorbiden geriatrischen Patienten für ein ausführliches geriatrisches Assessment an das Zentrum überweisen.

Ambulante Brückenstruktur ohne Infrastruktur

Diese Unterstützungsstruktur ist gleich mehrfach sinnvoll: Denn einerseits haben die Hausärzte in und um Templin extrem hohe Patientenzahlen und daher kaum Zeit für ein einstündiges Assessment. Andererseits steigt die Zahl der Patienten mit geriatrischen Indikationen in der Uckermark stetig.

Zum Dritten profitieren nicht nur die Patienten selbst, wenn sie ambulant statt stationär behandelt werden können, sondern ihre Krankenversicherer sparen auch Geld. Weil es eine innovative Lösung für aktuelle Herausforderungen bietet, wird das Templiner Zentrum nun auch Leuchtturmprojekt im neuen Masterplan für Berlin-Brandenburg.

Die Bedeutung solcher Versorgungsstrukturen wächst schnell. Eine Analyse der KVBrandenburg (KVBB) in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut der KBV und dem UCEF-Institut in Greifswald zeigt, dass sich die Anzahl der Patienten mit Demenz oder mit Schlaganfall-Folgeerkrankungen in der Region Templin bis 2030 fast verdoppeln wird. 43 Prozent der Bevölkerung werden dann über 65 Jahre alt sein.

"Die demografische Entwicklung erfordert vor allem eine koordinierte Behandlung", so Lutz Freiberg, KVBB-Experte für neue Versorgungsstrukturen, zur "Ärzte Zeitung".

In der ambulant-stationären Brückenstruktur des Templiner Zentrums sind deshalb Physio-, Ergotherapie und Logopädie vor Ort. Das therapeutische Team entwickelt gemeinsam mit den Geriatern für jeden Patienten einen individuellen Therapieplan mit bestimmten Zielen.

Die Therapie findet in einem dreiwöchigen Zyklus ambulant am Zentrum statt und wird mit regelmäßigen Fallkonferenzen begleitet. Auch der Krankenhausträger geht nach Freibergs Angaben bei der neuen Versorgungsstruktur mit.

"Da denkt man nicht in Sektoren. Die größere Hürde scheint die Sektorengrenze innerhalb der Trägerebene von Krankenversicherung, Pflegeversicherung und Kommunen zu sein", sagte Freiberg.

Das Zentrum selbst wird aus dem Strukturfonds der KVBB von allen Krankenkassen gemeinsam finanziert. Einen Selektivvertrag wollte Freiberg nicht, denn das Angebot sollte für alle offenstehen.

Doch nun führt die Transportproblematik zu anderen Zugangshürden. Freiberg ist überzeugt: "Die Lösung des Transportproblems wird am Ende die größte Herausforderung bei der Entwicklung von Versorgungsstrukturen für den ländlichen Bereich."

Vorbild Patientenbus?

Der Verweis der Krankenkassen auf die Richtlinie zur Übernahme von Fahrkosten ist vor diesem Hintergrund kurzsichtig. Nachvollziehbar ist aber auch die Angst der Kassen, mit einer zu großzügigen Kostenübernahmepraxis ein Präjudiz für immer weitere Fälle zu schaffen.

Einen gewissen Unmut darüber, dass Krankenfahrten fehlenden öffentlichen Nahverkehr ersetzen sollen, darf man den Kassen ebenfalls zugestehen. Dennoch kann es nicht sein, dass Patienten hohe Taxirechnungen selbst zahlen müssen, um Versorgungsangebote nutzen zu können.

Gefragt ist hier eine kooperative Lösung, bei der sich Kassen und Kommunen gleichermaßen einbringen. Der Patientenbus im brandenburgischen Müncheberg hat gezeigt, wie das gehen kann.

Dort hat er nicht besonders gut funktioniert, unter anderem weil die Haltestellen zu weit von den verstreuten Arztpraxen entfernt waren. Aber er fährt als "Bürgerbus" weiter. Die Infrastrukturmaßnahme hat sich mithin für Kommune und Landkreis bewährt.

In Templin hätte das Modell Patientenbus in gemeinsamer Kostenträgerschaft von Kassen und öffentlicher Hand eine neue Chance verdient. Dort sind die Versorgungsstrukturen am Krankenhaus und an zwei Ärztehäusern konzentriert. Entsprechende Haltestellen könnten eingerichtet werden. Das wäre eine nachhaltige Lösung.

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