Ärzte Zeitung, 14.09.2015

Wohnortnahe Versorgung

In Zukunft drohen Lücken

Deutschland schrumpft und altert. Auch bei starker Einwanderung. Die Urbanisierung schreitet fort und entvölkert weite Landstriche. Hehre gesundheitspolitische Ziele der Regierung wie die wohnortnahe Versorgung werden zur Fiktion.

Ein Leitartikel von Helmut Laschet

In Zukunft drohen Lücken

Der demografische Wandel ist dem Statistischen Bundesamt zufolge längst in Deutschland angekommen.

© Photo-K / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Der demografische Wandel ist da, und er wird sich in den nächsten 25 Jahren dramatisch beschleunigen und die Lebensverhältnisse der Deutschen in bislang unbekanntem Ausmaß verändern.

Dieser Prozess ist unumkehrbar, auch wenn im Moment der große Zustrom an Flüchtlingen politisch als eine Chance für die Demografie verkauft wird.

Selbst anhaltend ausgeprägte Zuwanderung ändert nur wenig am Schrumpf- und Alterungsprozess der deutschen Gesellschaft.

Das sind Fakten, die das Statistische Bundesamt am Wochenbeginn mit der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung bis zum Jahr 2060 vorgelegt hat. Es ist das langfristigste Prognoseinstrument, das der Politik zur Verfügung steht - und es ist eines der zuverlässigsten.

Unter anderem deshalb, weil der zentrale Einflussfaktor, die Geburtenrate, über Jahre hinweg nahezu konstant ist. Weitere Einflussgrößen sind steigende Lebenserwartung und das Ausmaß des (positiven) Wanderungssaldos.

Brisante Sprengsätze für die Gesundheitspolitik

Für die Gesundheitspolitik enthält die Prognose mehrere Sprengsätze - seit langem bekannte, aber auch einige relativ neue, die die Brisanz verschärfen.

"Der demografische Wandel ist in Deutschland längst angekommen", konstatiert das Statistische Bundesamt.

Und das sind die Fakten:

 - Seit 1990 hat sich das Medianalter von 37 auf 45 Jahre erhöht, die Zahl der ab 70-jährigen ist von 8,1 auf 13,1 Millionen gestiegen, die überwiegende Zahl der Erwerbstätigen ist zwischen 40 und 64 alt.

- Nur noch in den nächsten fünf Jahren wird die Zahl der Geburten bei etwa 700.000 pro Jahr stabil bleiben, dann aber kontinuierlich auf bis zu 500.000 sinken - weil es weniger potenzielle Mütter gibt.

- Die Zahl der Sterbefälle - derzeit knapp 900.000 - wird auf fast 1,1 Millionen Anfang der 2050er Jahre steigen. Dazwischen liegt der Altersberg der Babyboomer geboren zwischen 1955 und 1965, die in wenigen Jahren in Rente gehen.

2060: 13,2 Millionen weniger Deutsche

Der Schrumpfungsprozess wird zunächst moderat verlaufen - zwischen 2013 und 2030 wird die Bevölkerungszahl nur um 1,6 Millionen Menschen zurückgehen.

Aber die strukturellen Veränderungen sind schon gewaltig: Der Anteil der aktiven Bevölkerung wird von 61 auf 55 Prozent sinken, gleichzeitig der Anteil der Älteren von 20 auf 28 Prozent steigen.

Erst in den 2030er Jahren und der weiteren Zukunft geht die Bevölkerung dramatisch zurück.

2060 werden in Deutschland knapp 68 Millionen Menschen leben - 13,2 Millionen weniger als jetzt.

Dieser Schrumpfungs- und Alterungsprozess vollzieht sich aber nicht gleichmäßig, sondern regional äußerst disparat.

Dramatisch werden ganze Landstriche im Osten teils aber auch im Westen entvölkert: Schon bis 2025 wird Sachsen-Anhalt im Vergleich zu 2008 fast ein Fünftel seiner Bevölkerung verlieren und dann weniger als zwei Millionen Einwohner haben.

Jenseits von Halle und Magdeburg wird sich die Bevölkerung zwischen 2008 und 2025 sogar halbieren.

In der gleichen Zeit steigt der Altenquotient von 39 auf 58 Prozent. Nicht sehr viel anders sieht es in Mecklenburg-Vorpommern oder Thüringen aus.

Wachstum in den Metropolregionen

Aber es gibt auch Gewinner: Das sind die Stadtstaaten und andere Metropolen. Für einen langen Zeitraum werden sie Bevölkerungszugewinne haben und im Jahr 2060 zumindest nicht weniger Einwohner als heute.

Herausragendes Beispiel ist Frankfurt am Main: Die Wirtschaftsmetropole wird bis 2040 um rund 120.000 auf 830.000 Einwohner wachsen.

Die Bundesregierung reagiert darauf mit einer Demografie-Strategie, die eigentlich keine ist. Beispiel Gesundheitspolitik: Ausdrücklich nennt das Bundesgesundheitsministeriums das Pflegestärkungs- und das Versorgungsstärkungs-Gesetz als Bestandteil dieser Strategie, verspricht mehr und neue Leistungen für alle und vor allem in sich entvölkernden Regionen - für viel Geld.

Aber Geld ist nicht das einzige Problem: In den Pflegeberufen ist der Personalmangel schon jetzt manifest - und der rare Nachwuchs wird beileibe nicht daran denken, aufs Land zu gehen.

Vehement wird versucht, in den scheinbar mit Fachärzten überversorgten, aber wachsenden Metropolregionen Facharzt-Kapazitäten abzubauen und Mediziner für teures Geld aufs Land zu locken.

Richtig ist: Vorübergehend wird es dort mehr alte und kranke Menschen geben - aber dieser Prozess ist endlich.

Um es klar zu sagen: Das Prinzip der Gleichmäßigkeit der Lebensverhältnisse und speziell der flächendeckenden wohnortnahen Versorgung wird sich nicht halten lassen.

Desillusionierung ist nötig. Und eine Strategie für den Rückbau von Infrastruktur in entstehenden Brachen von Flächenländern.

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