Ärzte Zeitung, 30.04.2008

Billig - das kommt Kranke teuer zu stehen

Ärzte in Sachsen und Thüringen wehren sich gegen die Honorarpolitik der AOK Plus / Unterstützung von der KBV

DRESDEN. Drei große grüne Sparschweine zieren die Leinwand im Plenarsaal der sächsischen Landesärztekammer. Daneben die Worte: Krankenkasse, Gesundheitskasse, Sparkasse. Es geht ruhig und diszipliniert zu am Montagabend in diesem Plenarsaal. Aber die Vertreter der Vertragsärzte in Sachsen und Thüringen kochen innerlich vor Wut. Sie haben Zorn auf eine Krankenkasse, die wie keine andere in Deutschland viel Geld aus dem Risikostrukturausgleich bekommt, einen Teil dieses Geld aber nicht in die Gesundheitsversorgung steckt, sondern damit ihren Beitragssatz subventioniert.

Von Katlen Trautmann

KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller (r.) verspricht die Angleichung der Arzthonorare im Osten an das Westniveau.

Fotos: Hiekel

Am Ende der außerordentlichen Vertreterversammlung der KVen Sachsen und Thüringen stand eine einstimmig verabschiedete Resolution: Die niedergelassenen Ärzte aus Sachsen und Thüringen fordern von Politik und Krankenkassen ein klares Bekenntnis für die flächendeckende ambulante ärztliche Versorgung und deren angemessene Finanzierung. Sie stemmen sich gegen ausufernde unbezahlte Arbeit und schleppende Honorarverhandlungen mit der AOK Plus.

Ein Widerspruch zum deutsch-deutschen Einigungsvertrag

Auslöser der außerordentlichen Vertreterversammlung war ein Bericht der "Ärzte Zeitung", in dem der Chef der AOK Plus, Rolf Steinbronn, mit der Aussage zitiert worden war, die niedergelassene Hausarztpraxis sei ein Auslaufmodell. Diese, inzwischen von Steinbronn in einer Gegendarstellung dementierten Aussage brachte die Ärzte in Rage, zumal als Versorgungsalternative Ärzte aus Krankenhäusern, rollende Arztpraxen und Gemeindeschwestern erwogen wurden.

"Das ist der Versuch, ein staatliches Gesundheitswesen zu installieren - ein Widerspruch zum deutsch-deutschen Einigungsvertrag", so die thüringische KV-Vorsitzende Regina Feldmann. Tatsächlich sei die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung gefährdet. Die Ursache dafür ist die unterdurchschnittliche Vergütung bei überdurchschnittlicher Arbeitsleistung.

Diszipliniert, aber zornig: die außerordentliche VV am Montagabend in Dresden.

Unterstützung für die Ärzte in den neuen Bundesländern kommt aus der Berliner KBV-Zentrale: Vorstandsmitglied Dr. Carl-Heinz Müller kam mit dem klaren Versprechen, dass die KBV "mindestens 3 bis 3,5 Milliarden Euro" bei der Vergütungsreform für 2009 fordern wird. Damit müsse eine um bis zu 30 Prozent höhere Vergütung für die Ärzte in den neuen Bundesländern möglich sein. Müller:"Ich verspreche Ihnen, dieses Geld wird fließen! Egal, unter welchen Bedingungen."

Vertreter beider KVen attackierten heftig die AOK Plus. Das Geld aus dem bundesweiten Risikostrukturausgleich werde von den Krankenkassen der neuen Bundesländer absorbiert und erreiche nicht die ambulante Medizin im Osten, so Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen. 1,244 Milliarden Euro hat die AOK 2006 aus dem Ausgleich erhalten, jedoch nur 80 Prozent davon für die Behandlung Kranker verwendet. Stattdessen finanziere sie aus Wettbewerbsgründen ihren Beitragssatz damit.

Vier Millionen Hausbesuche ohne eine Vergütung

Die Vertragsärzte in Sachsen hätten im Jahr 2006 auf 75,5 Millionen Euro verzichtet - 16 Prozent der Arbeit ohne Vergütung. Das entspricht etwa vier Millionen Hausbesuchen. Jedem Arzt entgehen damit nach KV-Angaben 14 000 Euro pro Jahr.

Auch Überlegungen zum Ausbau ambulanter Angebote durch Krankenhäuser äußerten die Vertreter Kritik. "Es ist Zeit aufzustehen und der nicht wohnortnahen Versorgung die Rote Karte zu zeigen", sagte der Chef der Vertreterversammlung der KV Thüringen, Dr. Andreas Jordan. Regine Feldmann warnte davor, dass das Initiieren und Fortführen einer Unterfinanzierung in den Praxen die Rahmenbedingungen der Niederlassung verschlechtere.

Mit einer Plakataktion wollen Ärzte in Thüringen ihre Patienten dafür sensibilisieren, dass Billigmedizin am Ende die Kranken teuer zu stehen kommt.

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