Ärzte Zeitung, 04.06.2008

Zum Arbeiten gekommen, alt geworden in Deutschland

Im Versorgungsalltag bleiben die spezifischen Bedürfnisse von Migranten oft unerkannt

BERLIN. Immer mehr Migranten oder Menschen mit Wurzeln im Ausland werden in Deutschland alt. Diese Entwicklung stellt die Gesundheitsversorgung und Pflege vor neue Herausforderungen.

Von Angela Mißlbeck

Im multikulturellen Altenheim "Haus am Sandberg" in Duisburg unterhält sich Heimleiter Ralf Krause mit einer Bewohnerin.

Foto: dpa

Migranten profitieren zu selten vom deutschen Gesundheitswesen. Diese Auffassung vertritt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer. Sprachbarrieren und kulturelle Hürden erschweren vor allem Einwanderern aus islamischen Ländern den Zugang zu den Angeboten des Gesundheitssystems. Deshalb wird auf Kulturdolmetscher oder so genannte interkulturelle Gesundheitslotsen gesetzt.

Beispiele sind das MiMi-Projekt ("Mit Migranten für Migranten") des Bundesverbands der Betriebskrankenkassen in Zusammenarbeit mit dem Ethnomedizinischen Zentrum Hannover oder der Gemeindedolmetschdienst von Gesundheit Berlin, bei dem Migranten als Dolmetscher und Kulturvermittler in Krankenhäusern und Arztpraxen hinzugezogen werden können.

Demografische Entwicklung bei Migranten wurde lange ignoriert

Die Einbeziehung von Migranten in die deutsche Gesundheitsversorgung darf jedoch nicht auf Projekte beschränkt bleiben. Das fordert die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner besonders mit Blick darauf, dass immer mehr Migranten in Deutschland alt werden. "Es reicht nicht aus, noch ein Projekt mehr zu machen. Vielmehr wird es darauf ankommen, ob es uns gelingt die Regelsysteme für die Bedürfnisse älterer Migranten zu öffnen", so Knake-Werner. Ihrer Ansicht nach hat Deutschland die Entwicklung älter werdender Migranten lange Zeit verschlafen.

"Wir haben uns zu spät darauf eingestellt, dass ein Großteil der Migranten hier alt wird und auch Altenpflege braucht", so Knake-Werner. Die Berliner Sozial- und Pflegesenatorin hält unter anderem mehr muttersprachliche Angebote für ältere Migranten für nötig. Inzwischen gibt es zwar etliche Pflegedienste und -heime, die von Migranten geführt werden. So betreiben unter anderem die Marseille-Kliniken in Berlin-Kreuzberg ein Pflegeheim speziell für türkische Migranten. "Ich erwarte jedoch von allen Einrichtungsträgern, dass sie sich mit dieser Frage beschäftigen. Es darf sich nicht auf einzelne Einrichtungen beschränken", so Knake-Werner.

Krankheitsbild Demenz ist in vielen Kulturen tabuisiert

Ein besonderes Problem stellt die Demenzversorgung von Migranten dar. Das Krankheitsbild ist in vielen Kulturen stark tabuisiert. Angehörige neigen deshalb dazu, die Betroffenen zu verstecken, statt sie einem Arzt vorzustellen. Der Sozialverband VdK hat deshalb ein Beratungszentrum für demenziell erkrankte Migranten und ihre Angehörigen ins Leben gerufen. Die Leiterin dieses Zentrums, Derya Wrobel, weist auf die Besonderheiten der Demenz bei Migranten hin. "Durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses geht der Migrationserfolg verloren. Das Bewusstsein, in einem Einwanderungsland zu leben, ist weg, die Zweitsprache Deutsch ebenfalls. Hausärzte und Neurologen tun sich deshalb schwer, ein Gesamtbild der Patienten zu gewinnen", sagt Wrobel.

Hilfreich sind hier Ärzte, die selbst einen Migrationshintergrund haben, wie zum Beispiel der Berliner Hausarzt Dr. Sükrü Güler. Für sein Engagement in der Integration der kurdischen Bewohner Berlins ist er vor kurzem vom Bundespräsidenten ausgezeichnet worden. 80 bis 90 Prozent der rund 1200 Patienten pro Quartal in seiner Kreuzberger Praxis stammen aus islamischen Ländern. Für sie ist der kurdische Hausarzt nicht nur Mediziner, sondern auch Sozialarbeiter und Übersetzer.

"Die Arztpraxis ist auch ein Ort der Kommunikation. Es ist sehr wichtig, dass die Patienten sich als Menschen akzeptiert fühlen", sagt Güler. Seine Patienten bringen ihm oft die Amtspost zur Erläuterung mit. Auch andere Ärzte und Apotheken rufen ihn an, wenn es Verständigungsschwierigkeiten mit Migranten gibt. Güler hat in den 70er Jahren in Berlin Medizin studiert und dabei den Verein kurdischer Ärzte mitbegründet. Der Verein veranstaltet regelmäßig Fortbildungen zu wichtigen Gesundheitsproblemen von Migranten, an denen auch deutsche Ärzte teilnehmen.

Psychosomatische Erkrankungen sind weit verbreitet

Eines der wichtigsten Themengebiete ist aus Gülers Sicht die Psychosomatik. Diese Art von Beschwerden ist bei Migranten seiner Erfahrung nach weiter verbreitet als bei Deutschen. Die Ursachen liegen für Güler auf der Hand: "In den Herkunftsländern leben diese Menschen in Großfamilien, hier sind sie allein.

Besonders Frauen, die hierher kommen, sind oft sehr einsam und meist nur zu Hause. Da fangen die Krankheiten an", sagt der kurdische Arzt. Dabei sei es schwer, bei den Patienten ein Bewusstsein für die psychischen Komponenten ihrer Erkrankung zu wecken. Gesprächstherapie werde als Behandlungsform kaum akzeptiert, Medikamente dagegen würden eingenommen. Güler geht zudem davon aus, dass die Probleme in der Gesundheitsversorgung von Migranten in dem Maß wachsen, wie die Menschen hier alt werden. Einer adäquaten Pflege stünden extreme Schamgefühle im Weg: Ein alter Mann lasse sich beispielsweise äußerst ungern von einer jungen Frau pflegen.

STICHWORT

Integrationsplan

Der Integrationsplan der Bundesregierung betrachtet die Gesundheitsversorgung als ein zentrales Arbeitsfeld mit großem Handlungsbedarf. Der Bedarf an speziellen Versorgungsstrukturen für Migranten wächst durch die Zunahme der älteren Migranten. Von den gut 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind etwa 1,2 Millionen über 65 Jahre alt. Das entspricht rund 7,5 Prozent der Senioren in Deutschland. In Berlin hat sich allein die Zahl der über 65-jährigen Deutschtürken in den vergangenen zehn Jahren auf über 9000 vervierfacht. Rund 60 Prozent von ihnen leiden den Angaben der Berliner Gesellschaft türkischer Mediziner zufolge an Volkskrankheiten, die oft auf harte Arbeitsbedingungen zurückgehen. (ami)

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