Ärzte Zeitung, 09.06.2008

HINTERGRUND

Sozialpädiater sehen Handlungsbedarf - Betreuung in Kinderkrippen hat Mängel

Von Raimund Schmid

Überlastete Erzieherinnen: Das gibt‘s oft in Deutschland.

Foto: imago

Der Trend ist eindeutig: Immer mehr Kinder vor allem aus bildungsfernen, einkommensschwachen und überforderten Familien werden in Deutschland in den ersten drei Lebensjahren außerhäuslich betreut. Dafür stehen jedoch zu wenige geschulte Erzieherinnen oder Tagesmütter zur Verfügung, zumal zunehmend mehr Kinder aus armen oder sozial benachteiligten Familien einen besonderen Förderbedarf benötigen.

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) fordert deshalb besser ausgebildete Erzieherinnen und günstigere Betreuungsschlüssel für Krippenkinder.

Klage über eine mangelnde Qualifikation

Nach den Ergebnissen einer Studie der Bertelsmannstiftung besteht immenser Handlungsbedarf. Mehr als 60 Prozent der befragten Träger, Erzieher und Tagesmütter hatten in einer Untersuchung eingeräumt, unzureichend auf die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren vorbereitet zu sein.

Zwar plant die Bundesregierung, die pädagogische Qualität von Fachkräften in der Kindertagespflege oder in Kinderkrippen zu verbessern. Ob jedoch diese - aus Sicht der DGSPJ bisher halbherzigen - Anstrengungen für eine wissensbasierte und praxisbezogene Ausbildung ausreichen, wird von DGSPJ-Präsident Professor Harald Bode aus Ulm bezweifelt.

Eine bessere Qualität bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren sei vor allem deshalb notwendig, weil Verhaltensstörungen und Aggressionen umso mehr zunehmen, je schlechter die Erzieherinnen qualifiziert sind und je mehr Kinder sie betreuen müssen.

Zahl der Erzieherinnen reicht oft nicht aus

Noch immer gibt es heute nach Angaben des Diakonischen Werks Kurhessen-Waldeck Gruppen von bis zu 25 Kindern, für die lediglich 1,5 Erzieherstellen zur Verfügung stehen. Entwicklungsauffälligkeiten könnten so von zeitlich wie fachlich oft stark überforderten Erzieherinnen kaum aufgespürt werden, da weder auf die physischen noch auf die emotionalen Bedürfnisse der einzelnen Kinder eingegangen werden könne. Zudem müssten weitere Faktoren berücksichtigt werden, etwa der besondere Förderbedarf von Kindern mit Behinderung oder Migrationshintergrund oder von Kindern in speziellen Lebenslagen.

Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, fordert die DGSPJ in ihrem Positionspapier von der Bundesregierung:

  • Fachhochschulausbildung für rund die Hälfte der Erzieherinnen und Erzieher. Bisher erzielen bundesweit nur 3,2 Prozent aller Erzieherinnen einen sozialpädagogischen Hochschulabschluss. Dabei sollten auch Aspekte der Selbsterfahrung und Supervision mit einfließen, ohne jedoch den Praxisbezug aus dem Blick zu verlieren.
  • Deutlich bessere altersgewichtete Betreuungsschlüssel für Kleinkinder: Als Richtschnur sehen die Sozialpädiater eine Gruppengröße von bis zu zwölf Kindern in der Altersklasse unter drei Jahren an.

Für Säuglinge von neun bis zwölf Monaten muss dabei eine Betreuerin für maximal zwei Kinder, für das Alter von zwölf bis 24 Monaten eine Betreuerin für maximal drei Kinder und für Kinder von 24 bis 36 Monaten eine Betreuerin für maximal vier Kinder vorgehalten werden. Diese Richtwerte werden bislang fast nirgendwo erreicht.

  • Betreuungszeiten von Kindern außer Haus nicht überstrapazieren! Das Eintrittsalter in eine Krippe sollte nicht unter neun Monaten liegen. Bei unter zweijährigen Kindern sollte eine halbtägige außerfamiliäre Betreuung nicht überschritten werden.
  • Gesundheitsaspekte in der Krippe aufwerten! Dazu zählt zum Beispiel die Kontrolle des Impfstatus mit Unterstützung von Ärzten. Erzieherinnen müssten auch in die Lage versetzt werden, Kindern eine gesunde Ernährung mit optimierter Mischkost und ausreichende Bewegungserfahrungen zu ermöglichen.
  • Ein Gütesiegel für Krippen, die Qualitätskriterien konsequent einhalten

Um diese Qualitätskriterien auch wissenschaftlich abzusichern, regt Bode an, die Standards mit Begleit- und Längsschnittstudien zu überprüfen. Dazu böte sich das Bundesland Sachsen-Anhalt an, da dort in der Schulanfängerkohorte 2006/2007 etwa 90 Prozent der unter Dreijährigen eine Krippe besucht haben.

STICHWORT

Kindertageseinrichtungen

Bis zum Jahr 2013 sollen nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen bundesweit für rund ein Drittel der unter Dreijährigen Betreuungsplätze in Kindertageseinrichtungen entstehen, davon 30 Prozent in der Tagespflege. So wird in den nächsten fünf Jahren die Zahl der Kitaplätze von rund 250 000 auf 750 000 steigen. In den alten Bundesländern werden derzeit nur 7,5 Prozent der unter Dreijährigen in Kindertages-einrichtungen versorgt. Sinnvoll ist ein Ausbau der Kitas nach Ansicht der Sozialpädiater aber nur dann, wenn die Erzieherinnen besser qualifiziert werden. (ras)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Antibiotika gegen Rückenschmerzen

Verursachen Bakterien heftige Bandscheiben-Beschwerden? Für Forschungen zur Behandlung von Rückenschmerzen mit Antibiotika wurde jetzt der Deutschen Schmerzpreis verliehen. mehr »

QuaMaDi wird fortgesetzt

Aufatmen im Norden: KV und Kassen haben sich auf den Fortbestand des Brustkrebsfrüherkennungsprogramm QuaMaDi geeinigt. mehr »

Ethikrat sucht nach dem goldenen Mittelweg

Wann ist eine medizinische Zwangsbehandlung fürsorglicher Schutz, wann ein unangemessener Eingriff? Diesen Fragen widmet sich aktuell der Deutsche Ethikrat. mehr »