Ärzte Zeitung, 18.07.2008

WAS KOLLEGEN ZUM HAUSARZTVERTRAG SAGEN

"AOK-Patienten einzuschreiben hilft, unsere Praxen zu erhalten"

Der 1. Juli ist in Baden-Württemberg der Start für ein Großexperiment gewesen: Erstmals schultern MEDI, Hausärzteverband und die AOK die ambulante hausärztliche Versorgung für die Versicherten der Kasse - ohne die KV. Die "Ärzte Zeitung" lässt ab heute regelmäßig zwei teilnehmende Hausärzte zu Wort kommen, die über ihre Erfahrungen mit dem Hausarztvertrag in Baden-Württemberg berichten.

Von Dr. Rainer Graneis

Eigentlich war es in den letzten Jahren unser Ziel, abgerechnete Leistungen so vergütet zu bekommen, wie wir sie in unseren Praxen erbracht haben: ohne Mengen- und Fallzahlbegrenzung und ohne schwankende, stetig sinkende Punktwerte.

Aber hier haben uns unsere eigenen Standesvertreter in KBV und den KVen zusammen mit den Kassen und der Politik einen dicken Strich durch die optimistische Rechnung gemacht. Drei verschiedene Gebührenordnungen in den vergangenen drei Jahren, dabei eine unübersichtlicher als die vorherige, und die Einzelleistungen sind zum größten Teil in Pauschalen aufgegangen.

Arbeit wird nur zu 75 Prozent von den Kassen bezahlt

Die werden dafür von Quartal zu Quartal schlechter bezahlt und sind dann auch noch in der Menge und Fallzahl begrenzt. Im Klartext: unsere Arbeit wird zwar von den Patienten zu 100 Prozent honoriert, von den Kassen aber nur zu 75 Prozent bezahlt! Wenn dann noch im Jahr 2009 die Punktwerte in Baden Württemberg noch einmal um 20 Prozent gesenkt werden sollten, dann ist es geradezu die Pflicht verantwortungsbewusster Standespolitiker, sich zusammen mit innovativen Kassen Gedanken um eine bessere Bezahlung der Niedergelassenen zu machen.

Kritiker des Vertrags bringen gerne das Argument: Aber MEDI und Hausärzteverband haben doch auch wieder nur Pauschalen ausgehandelt. Das stimmt natürlich, aber mit dem gravierenden Unterschied, dass, nach mehr als 20 Jahren, erstmals wieder eine Vergütung in festen Euro-Beträgen erfolgt. Und nicht nur das: diese Euro Beträge übertreffen den bisherigen Fallwert in unseren Praxen um 50 Prozent! Wer bisher für einen Kassenpatienten mit 52 Euro pro Quartal rechnen konnte, darf bei eingeschriebenen AOK-Versicherten mit im Durchschnitt knapp 80 Euro rechnen.

Dass nebenbei das Morbiditätsrisiko von der AOK übernommen wird und die Fallzahlzuwachsbegrenzung wegfällt, ist ein echter Meilenstein der Honorarsystematik und lässt den Wegfall der Vergütung der Einzelleistung gut verschmerzen. Im Gegenzug haben wir für unsere Unternehmen einen deutlichen Zuwachs an Planungssicherheit - auch für schlechte KV-Zeiten - erreicht.

Es gibt gerechtere Systeme der Abrechnung als den EBM

Ganz klar, dass mit Sicherheit noch nicht jeder alle Antworten auf die Fragen zu Praxisablauf, Schulungen, Abrechnung und Software hat. Aber geben wir diesem Honorarvertrag mit der AOK die Chance, zu beweisen, dass es intelligentere und gerechtere Abrechnungssysteme gibt als EBM und HVM. Und motivieren wir unsere Patienten, die bei der AOK Baden-Württemberg versichert sind, sich einzuschreiben, um so zum Erhalt der Hausarztpraxis um die Ecke beizutragen.

Unsere Praxen mit unseren Mitarbeiterinnen, unsere Patienten und wir haben es verdient!

ZUR PERSON

Dr. Rainer Graneis hat in Tübingen Medizin studiert und in Ulm seine Facharztausbildung absolviert. Im Jahr 1990 hat er sich als Allgemeinarzt in Nellingen (Alb-Donau-Kreis) niedergelassen. Seit 1998 ist er in einer Gemeinschaftspraxis tätig.

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