Ärzte Zeitung, 12.09.2008

Niederbayern zeigt, wie vernetzte Versorgung aussehen kann

"Die Zusammenarbeit macht die Gesundheitsregion Niederbayern attraktiver. Als Ärzte sind wir hier nicht als Einzelkämpfer unterwegs."
Dr. Reinhard Aufschild
Praxisnetz La(a)bertal

Von wegen Provinz: Beim Thema Gesundheit schöpft die Region Niederbayern alle Möglichkeiten aus, die der Gesetzgeber geschaffen hat: Haus-, Fach- und Klinikärzte rücken in Ärztenetzen zusammen und schließen mit Kassen Versorgungsverträge. Eine Hoffnung ist, dass die Teamkultur junge Ärzte anzieht.

Von Thomas Hommel

Dr. Reinhard Aufschild (62) verkörpert das, was man einen alten Hasen nennt. Seit 27 Jahren betreibt der promovierte Internist im niederbayerischen La(a)bertal eine eigene Praxis. Mitten auf dem Land - umgeben von Wald, Wiesen und viel frischer Luft. Das hat Vorzüge. "Die Lebensqualität hier ist gut, und die Lebenshaltungskosten sind niedriger als in der Stadt." Das Landleben bringt aber auch Nachteile mit sich.

"Wenn bei uns ein Patient wegen Arthrose zum Orthopäden soll, dann muss er mindestens 30 Kilometer fahren, um einen zu finden", sagt Aufschild. Vielen, vor allem älteren Menschen fällt das nicht leicht, zumal das öffentliche Nahverkehrssystem im La(a)bertal Fortbewegungsmittel wie Straßen- oder U-Bahnen nicht zu bieten hat.

"Ältere Patienten brauchen daher jemanden, der sie fährt", meint Aufschild. Einen "Fahrdienst", den Klinik und Praxen in der Region gemeinsam organisieren könnten, hält er für "durchaus denkbar". Und wie steht es mit der Finanzierung? "Wir haben mit den ortsansässigen Krankenkassen sehr unbürokratische Gesprächspartner. Mit deren Vorständen lässt sich über alles gut reden."

Integrierte Vollversorgung hat die Juroren überzeugt

Verhandelt wird in Niederbayern viel zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern. Herausgekommen ist dabei unter anderem ein neuer Ansatz zur "regionalen integrierten Gesundheitsvollversorgung", mit dem die Region in der ersten Runde des Wettbewerbs "Gesundheitsregionen der Zukunft" überzeugen konnte. Vor etwa zwei Jahren wurden die Gesundheitsunternehmen donauMED, iprogema und Praxisnetz La(a)bertal gegründet.

Niederbayern ist eine ländliche Region, in der Kliniken, Ärzte und Industrie vor allem in kleineren Städten zu finden sind.

In den drei Ärztenetzen - Mediziner Aufschild ist Aufsichtsratsvorsitzender des La(a)bertaler Netzes - haben sich Haus- und Fachärzte, Psychologen, Physiotherapeuten sowie Kliniken und Medizinische Versorgungszentren aus der Region zu einer rechtsverbindlichen Gesellschaftsstruktur - einer GmbH & Co. KG - zusammengeschlossen. Mit den drei Kassen BKK BMW, mhplus Betriebskrankenkasse und AOK Bayern wurde ein Versorgungsvertrag geschlossen.

"Die freie Arztwahl bleibt weiter bestehen", betont Aufschild - und weist Kritik zurück, hier kaufe sich eine Kasse ihr Ärztenetz und diktiere den Versicherten, wo sie sich behandeln lassen sollen.

Alle drei Gesundheitsunternehmen sind einheitlich und nach den gleichen Rahmenbedingungen aufgebaut. Die beteiligten Ärzte sind durch ein gemeinsames medizinisches Dokumentations- und Kommunikationssystem untereinander und mit den Kliniken elektronisch vernetzt. Die Patienten, die an der integrierten Gesundheitsvollversorgung teilnehmen möchten, können sich als Netzpatienten einschreiben lassen und einen Betreuungsarzt sowie ein auf sie persönlich zugeschnittenes Gesundheitsteam aus ärztlichen und nichtärztlichen Leistungserbringern wählen.

Zu ihrem Betreuungsarzt machen die Netzpatienten zumeist den Arzt, mit dem sie den intensivsten Kontakt pflegen. "Das ist in der Regel der Hausarzt", sagt Aufschild. Der sei gerade auf dem Land Ansprechpartner Nummer eins für alles, was mit Gesundheit zu tun hat. "Das war immer so und wird auch so bleiben."

Die Ärzte, die vom Netzpatienten für ihre Behandlung gewählt werden, erhalten über eine sichere ISDNVerbindung automatisch alle relevanten Einträge für eine elektronische Patientenakte. Die freilich darf nur geöffnet werden, wenn der Patient einwilligt.

Viele Jahre schon am Fließband - BMW erprobt für ältere Beschäftigte gesundheitsschonende Arbeitsbedingungen.

Foto: Imago

Die Kooperationskultur soll attraktiv für junge Ärzte sein

Die Patientenakte sei von unschätzbarem Wert: "Damit sind koordinierte Behandlungen genauso sichergestellt wie eine aufeinander abgestimmte Medikation, die unerwünschte Wechselwirkungen und Kontraindikationen ausschließt."

Die Kooperation in der Region sorge nicht nur für bessere Behandlungsergebnisse, sagt Aufschild. "Die Zusammenarbeit macht die Gesundheitsregion Niederbayern attraktiver. Als Arzt sind wir hier nicht als Einkämpfer unterwegs, sondern arbeiten in einem kollegialen Team." Ein Pluspunkt, den die Niederbayern gut gebrauchen können. Denn wie in vielen anderen ländlichen Regionen verwaisen auch hier Praxen Niedergelassener. "In meinem Nachbarort Ergoldsbach", berichtet Aufschild, "stehen seit knapp drei Jahren zwei Hausarztpraxen leer."

Lesen Sie dazu auch:
"Studenten brauchen den Blick fürs Ganze im Gesundheitswesen"
BMW will gerüstet sein für die künftig alternde Belegschaft
Wettbewerb des Forschungsministeriums
Osteoporose: Vorbeugen, verhindern, heilen
Branche & Handel
Ärztenetz DonauMed will Menschen vor allem gesund erhalten
Geografie & Demografie

Weitere Beiträge zur Serie:
"Gesundheitsregionen in Deutschland"
Folge 6:








Folge 5:








Folge 4:








Folge 3:







Folge 2:







Folge 1:








Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text