Ärzte Zeitung, 22.09.2008

Eine unangenehme Botschaft über Geld und Gesundheit

Die Mehrheit der Politiker weigert sich, die Zukunftsprobleme des Gesundheitswesens zur Kenntnis zu nehmen, sagt der Gesundheitsökonom Fritz Beske.

Von Brigitte Düring

Erst recht fehle Politikern der Mut zu unpopulären Korrekturen im Interesse einer langfristigen Finanzierbarkeit, sagte der Direktor des Kieler Instituts für Gesundheits-System-Forschung Professor Fritz Beske bei den Mitteldeutschen Fortbildungstagen in Leipzig. Auf Basis einer Prognose der Entwicklung der GKV bis zum Jahr 2050 empfahl er den Ärzten, die Gesundheitspolitiker aller Parteien bei den Bundestagswahlen 2009 mit kritischen Fragen zu quälen.

Nach der Analyse des Kieler Instituts hat Deutschland in etwa 40 Jahren 14 Millionen Einwohner weniger, die Zahl junger Menschen sinkt um etwa 42 Prozent, die Gruppe der Erwerbsfähigen geht um rund 31 Prozent zurück. Demgegenüber nehme der Anteil der über 65-Jährigen um 65 Prozent zu und die Zahl der Hochbetagten von über 80 Jahren erhöhe sich um etwa 150 Prozent auf dann zehn Millionen Menschen.

Fortschritt treibt die Kosten pro Jahr um ein Prozent

In der älter werdenden Bevölkerung werden sich Herzinfarkte verdoppeln, Schlaganfälle nähmen um 86 Prozent, Tumorerkrankungen und Diabetes mellitus um je 29 Prozent zu. Die Inzidenz von Demenz werde gar um 149 Prozent steigen.

Aufgrund dieser Daten, einem unveränderten Leistungskatalog und der Annahme, dass der medizinische Fortschritt die GKV-Ausgaben jährlich um mindestens ein Prozent steigert, beziffert Beske die GKV-Ausgaben im Jahr 2050 auf 225 Milliarden Euro im Vergleich zu heute 143 Milliarden. Fazit des Gesundheitsökonomen: "Es wird unmöglich sein, die so zunehmenden Leistungen mit einer kleineren und älteren Bevölkerung zu finanzieren".

Er verwies darauf, dass Deutschland den weltweit umfangreichsten Leistungskatalog habe. "Ohne dessen Reduzierung ist die Zukunft der GKV nicht vorstellbar", sagte Beske. Er hält daher eine Grundversorgung mit definiertem Standard und eine Zusatzversorgung mit Zusatzfinanzierung für unabdingbar. Dies sei in Deutschland allerdings ein Tabuthema, beklagte er. Darüber hinaus habe die prognostizierte Entwicklung auch Auswirkungen auf den Personalbedarf des Gesundheitswesens der Zukunft. Dieser müsse ebenfalls bereits jetzt ermittelt und der künftige Bedarf im Zusammenhang mit dem Leistungskatalog diskutiert werden. Fest steht für ihn, dass niedergelassene Ärzte durch die Zunahme chronischer Erkrankungen und Multimorbidität ebenso wie durch die Reduzierung von Krankenhausbetten und Pflegepersonal wesentlich mehr Menschen zu betreuen haben.

Ein Diskussionenteilnehmer wollte wissen, ob der medizinische Fortschritt nicht auch Anlass für Hoffnungen auf Kostenersparnis geben könne. Beske zeigte sich skeptisch: Medizinischer Fortschritt trage - erfreulicherweise - zur größeren Lebenserwartung bei, doch das koste auch eher mehr als weniger Geld.

GKV in Deutschland: 2008 und 2050

  • Einwohner: derzeit 82 Millionen; im Jahr 2050: 69 Millionen
  • Kinder und Jugendliche: derzeit 17 Millionen, im Jahr 2050: zehn Millionen
  • Zahl der über 65-Jährigen: derzeit 14 Millionen, im Jahr 2050 etwa 23 Millionen
  • Erwerbsfähige Personen: derzeit 52 Millionen, im Jahr 2050 etwa 36 Millionen
  • Zahl der Hochbetagten: vier Millionen, 2050: zehn Millionen
  • GKV-Ausgaben: im Jahr 2005 143,8 Milliarden Euro, im Jahr 2005 etwa 225 Milliarden Euro
  • Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel 2008

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