Ärzte Zeitung, 06.10.2008

Fragen zur Qualität nehmen bei der Bürgerinformation zu

Anlaufstelle für Patienten in Westfalen-Lippe besteht seit zehn Jahren / Daten aus der Qualitätssicherung sollen weitergegeben werden

MÜNSTER. In den zehn Jahren ihres Bestehens ist die Bürgerinformation der Ärztekammer Westfalen- Lippe (ÄKWL) und der KV Westfalen-Lippe (KVWL) zu einer festen Anlaufstelle für Patienten und Versicherte geworden.

Von Ilse Schlingensiepen

Fragen zur Qualität nehmen bei der Bürgerinformation zu

95 Prozent der Anfragen bei der Bürgerinformation werden telefonisch gestellt.

Foto: DeVIce©www.fotolia.de

Die Mitarbeiter haben bislang rund 58  000 Fragen rund um das Gesundheitswesen und die medizinische Versorgung beantwortet, Tendenz steigend. Gingen im Jahr 1998 rund 1000 Anfragen bei ihnen ein, werden es in diesem Jahr voraussichtlich 15 000 sein.

"Ich kann nicht versprechen, dass wir aus der Bürgerinformation das machen, was viele von uns erhoffen: die Einteilung in gute Ärzte und schlechte Ärzte", sagt ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Einrichtung. Wenn auch das Erstellen von Ärzterankings und das Herausfiltern einzelner Ärzte nicht Aufgabe der Beratungsstelle ist, so werden Orientierungshilfen in Fragen der Qualität und der Qualitätssicherung immer mehr an Bedeutung gewinnen, erwartet er. "Wir werden die Daten, die wir aus der Qualitätssicherung haben, übersetzen und an die Bürgerinformation weitergeben", sagt Windhorst.

Zum Thema Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) habe die Kammer einen Flyer mit Fragen herausgebracht, mit deren Hilfe Patienten erkennen können, ob ein Arzt seriös mit dem Thema umgeht. Ein ähnliches Vorgehen stellt sich Windhorst vor, damit Patienten herausfinden können, ob ein Arzt der richtige ist, um ihr individuelles Problem zu lösen. "Wir bringen Licht in den Dschungel, aber wir bringen nicht den kürzesten Weg", sagt er. Wenn es gelingt, den Patienten bei der Abfrage von Gesundheitsleistungen die Richtung vorzugeben, dann wäre ein wichtiges Ziel erreicht.

Beide Körperschaften tragen die Bürgerinformation

In der Bürgerinformation gibt es keine individuelle Empfehlung, sondern eine qualitative Empfehlung", erläutert Kammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Michael Schwarzenau, einer der Initiatoren der Einrichtung. Die Beratungsstelle habe sich von einem Modellprojekt der Kammer zu einem selbstverständlichen Element der Arbeit von Kammer und KV entwickelt, so Schwarzenau.

Seit 1. April 2004 tragen die beiden ärztlichen Körperschaften die Bürgerinformation gemeinsam. Der Grund: Das Spektrum der Fragen hatte sich ausgeweitet. "Es fehlten uns die Informationen, die die vertragsärztliche Versorgung betrafen", berichtete Schwarzenau.

Der Bürgerinformation sei anfangs unterstellt worden, dass sie eine einseitige und tendenzielle Beratung aus Sicht der Ärzteschaft betreibe, sagt der KVWL-Vorsitzende Dr. Ulrich Thamer. Das sei völlig unberechtigt. "Wir sind diejenigen, die über die objektiven Daten zur Qualifikation von Ärzten verfügen." Da sie Zugang zu den Informationen der Kammer, der KV und der Akademie für ärztliche Fortbildung haben, könnten die Mitarbeiterinnen erläutern, welche Ärzte bestimmte Qualifikationen oder Genehmigungen haben oder in Spezialgebieten tätig sind.

Geboten wird Orientierung im Gesundheitswesen

Die Suche nach einem Arzt macht gut ein Drittel der Anfragen aus. Andere richten sich auf allgemeine medizinische Fragen oder Bereiche der vertragsärztlichen Versorgung und des Leistungskatalogs der Krankenkassen. "Die Bürgerinformation ist eine sinnvolle Einrichtung, weil sie Orientierung in einem Gesundheitswesen bietet, das immer mehr zersplittert", sagt Thamer.

Die Anfragen zeigten die Schwierigkeiten, die viele Menschen haben, sich im heutigen Gesundheitssystem zurechtzufinden, bestätigt die Leiterin der Bürgerinformation Dr. Marion Wüller. "Wir schaffen wieder ein bisschen Vertrauen in das System."

Oft helfe es den Patienten schon, wenn man mit ihnen über die Krankheit spricht und ihnen Zusammenhänge erklärt. "Schon das Gespräch kann den Patienten in die Lage versetzen, selbst die richtige Entscheidung zu treffen", sagt Wüller. Viele wüssten etwa nicht, dass es spezialisierte Ärzte wie Neuropädiater oder Endokrinologen gibt.

Auch Mediziner wenden sich an die Informationsstelle. Häufig sind sie auf der Suche nach einem Kollegen mit einer bestimmten Qualifikation. "Auch für die Ärzte ist die Weiterbildungs-Ordnung nur noch schwer zu durchschauen", sagt sie.

Jeder Dritte ist auf der Suche nach einem bestimmten Arzt

Im Jahr 2007 haben die Mitarbeiterinnen der Bürgerinformation von Kammer und KV in Westfalen-Lippe insgesamt 12 264 Anfragen beantwortet, das waren 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit 95 Prozent wendet sich der ganz überwiegende Teil der Rat Suchenden telefonisch an die Info- Stelle.

36,9 Prozent waren dabei auf der Suche nach einem Arzt, 31,9 Prozent hatten eine allgemeine Anfrage medizinischen Inhalts. Etwa jeder zehnte Anrufer wollte etwas zu einer Verordnung wissen, ebenfalls zehn Prozent wandten sich mit einer Beschwerde an die Einrichtung. 8,7 Prozent der Fragen zielten auf den vertragsärztlichen Bereich, 2,4 Prozent auf bestimmte Therapie- oder Diagnoseverfahren. In der Bürgerinformation arbeiten drei Ärztinnen, die sich zwei Stellen teilen. Die Kosten von 180 000 Euro im Jahr tragen die Kammer und die KV jeweils zur Hälfte. Für Patienten ist das Angebot kostenlos. (iss)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Wer, wenn nicht Kammer und KV?

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