Ärzte Zeitung, 24.11.2008

Hoppe: Medizinstudium ohne Einser-Abitur

Ärztliche Freiberuflichkeit soll Schwerpunktthema des Ärztetages 2009 in Mainz werden

DÜSSELDORF (iss). Die ärztliche Freiberuflichkeit wird einer der Schwerpunkte des Ärztetages 2009 in Mainz sein. Zentrale Bedeutung erhalten auch die Themen Patientenrechte, Rationierung und Priorisierung sowie die Situation von behinderten Menschen.

Hoppe: Medizinstudium ohne Einser-Abitur

Professor Jörg-Dietrich Hoppe.

Foto: sbra

Das kündigte der Präsident der Bundesärztekammer und der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo) Professor Jörg-Dietrich Hoppe auf der ÄKNo-Kammerversammlung an. "Wir werden dafür kämpfen, dass der Arztberuf so intensiv wie möglich seine Funktion behält und auch ausbaut, denn wir sind eine wichtige Gruppierung der bundesdeutschen Gesellschaft."

Der Einfluss des Staates auf das Gesundheitswesen werde immer größer. Durch den Gesundheitsfonds und die staatlich verordneten Beiträge lege der Staat die finanzielle Ausstattung des Gesundheitswesens fest. "Der Staat bestimmt in großen Anteilen durch Rechtsverordnung, wie die Prozeduren laufen", kritisierte Hoppe.

Als Beispiele nannte er die diagnose-bezogenen Fallpauschalen in Kliniken und die Disease-Management-Programme. Das beschwere die Ärzte. "Der Nachwuchs überlegt sich sogar, ob er überhaupt in ein solches System gehen will", sagte er mit Blick auf die aktuelle Umfrage der Universität Bochum.

In einem Interview mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" forderte Hoppe eine Reform der Arztausbildung. Das Einser-Abitur als Zugangsvoraussetzung für ein Medizinstudium sei ungeeignet, sagte er. "Es gibt viele junge Menschen mit schlechteren Schulnoten, die den Arztberuf als Berufung verstehen, bei denen Idealismus eine größere Rolle spielt als bei einem Einserkandidaten."

[26.11.2008, 19:57:32]
Prof. Dr. Uwe Körner 
Medizinstudium ohne Einser-Abitur


Medizinstudium ohne Einser-Abitur

Vom Präsidenten der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, kommen immer wieder wichtige Überlegungen zur Gestaltung des Arztberufs, auch hinsichtlich des Medizinstudiums. Jetzt charakterisierte er das Einser-Abitur als nicht angemessene Zugangsvoraussetzung zum Medizinstudium. Das erscheint als eine keinesfalls nur aus der gegenwärtigen Situation zunehmenden Ärztemangels begründete Überlegung.

Bestimmt steht nicht in Abrede, dass allgemein aus „Einserkandidaten“, und insbesondere wenn sie ihre Sozialisierung in der Familie eines praktisch tätigen Arztes erfuhren, bestmotivierte Ärzte wurden. Ich denke, es geht mehr um die Komplexität der Anforderungen an die Arztpersönlichkeit, und dass die heutigen Umstände der ärztlichen Berufsausübung den eher mehr auf eine glänzende Karriere orientierten Einser stärker vergraulen. – Zu Wirtschaftwunderzeiten war das Arztsein zum Sinnbild höchsten Ansehens und Wohlstands und entsprechend aufgrund des Andrangs zum Einser-Beruf geworden.

Der Gedanke, dass für das Medizinstudium diejenigen Menschen zu gewinnen seien, die sich am besten für das Arztsein eigenen, was sich eben nicht allein an Intelligenzleistungen entscheidet, ist nicht neu. Darüber wurde seit Anbeginn des Massenauftriebs von Medizinstudenten immer wieder einmal nachgedacht. So ist in einer kleinen Schrift von 1974 aus der Feder eines Medizinprofessors zu lesen: „Deshalb müssen wir für die Medizin … Studenten besonders nach Charakter und Gemüt aussuchen und nicht nur nach Wissen und Fingerfertigkeit, über die auch Schwindler und Taschendiebe – sehr grob gesagt – verfügen können. Handwerkliche Fähigkeit ist eben nicht alles.“ (O. Prokop, G. Uhlenbruck: Briefe von Freund zu Freund. Aachen 1974).

Wenn man denn tatsächlich in dieser Richtung nachdenken und etwas anstreben will, bedürfte es neben dem Streichen des Einser-Abiturs aus der Voraussetzungsliste auch praktischer Kriterien und Gelegenheiten, an denen die Studienbewerber das selbst testen und vielleicht auch eine Zulassungsstelle in gewisser Annäherung spezifische Eignungen für den Arztberuf ersehen kann. Vielleicht ist dazu nicht ganz uninteressant, dass es in den 1980er Jahren in Deutschland schon einen entsprechenden Versuch gab, mit einem praktischen Jahr als Auftakt vor dem Medizinstudium, was aber wohl noch nicht im Sinne der Zielstellung gut funktioniert hat.

Wenn Herr Hoppe nun auf die Wichtigkeit von Idealismus und innerer Berufung zum Arztberuf hinweist, ist auch zu beachten, dass Idealismus und Charakter, und die daraus resultierende moralische Kraft des Individuums zwar einerseits auch unter sehr widrigen Umständen ein Kraftquell für Aktivität sind, doch andererseits zur Regenerierung fördernder und Anerkennung gebender sozialer Strukturen und Umstände bedürfen. Denn bei längerem Fehlen letzterer werden unter hoher Beanspruchung Idealismus und Pflichtbewusstsein und auch die Person selbst schließlich unweigerlich verschlissen.

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