Ärzte Zeitung, 10.12.2008

Ärzte sollten noch stärker "Kümmerer" sein

Bundesagentur für Arbeit ruft Ärzte bei Befundberichten zu besserer Kooperation auf / Vergütung nimmt zu

CHEMNITZ. Jeder dritte Arbeitslose hat gesundheitliche Probleme, die für die Job-Vermittlung relevant sind. Der Leitende Arzt der Bundesagentur für Arbeit (BA), Professor Walther Heipertz, appelliert an Ärzte, bei Befundberichten mit der BA besser zusammenzuarbeiten.

Von Katlen Trautmann

"Zurückhaltung" beobachtet die Bundesagentur bei Befundberichten. Krankheit ist oft ein Hindernis bei der Vermittlung von Arbeitslosen.

Foto: imago

Bei der Erstellung und Weitergabe von Befundberichten vermutet Heipertz, dass sich die behandelnden Ärzte aus Sorge um die Konsequenzen für ihre Patienten zurückhalten. "Dabei geht es um die Integration Arbeitsloser und diese kann wie eine gute medizinische Behandlung wirken", sagte Heipertz der "Ärzte Zeitung" anlässlich eines Symposiums über psychosoziale Folgen von Arbeitslosigkeit in der Klinik Carolabad in Chemnitz.

Heipertz ist der Meinung, dass sich die Strategie der BA "Fordern und Fördern" auch positiv auf die Gesundheit Arbeitsloser auswirken könne: "Es geht es um das Wechselspiel der Einflüsse zum Wohle des Patienten." Daher sollten sich auch die behandelnden Ärzte an der Eingliederung eines Arbeitslosen beteiligen, um so eine "gesellschaftlich überzeugende Kümmerungssituation" zu schaffen, so Heipertz‘ Plädoyer. Die Vergütung für Befundberichte wird ab 2009 von 21 Euro auf 32,50 Euro angehoben.

"Arbeitslosigkeit geht nachweisbar mit Beeinträchtigung der subjektiven Gesundheit, höherer Morbidität und höherer Mortalität sowie mehr Arztkonsultationen und Krankenhausaufenthalten einher", erinnerte Heipertz. Dabei seien sich Wissenschaftler noch uneins, ob gesundheitliche Probleme Arbeitslosigkeit bedingen oder ob die Arbeitslosigkeit selbst krank macht.

Die Realität spricht dabei für sich: Etwa jeder dritte Arbeitslose hat gesundheitliche Probleme, die für die Vermittlung relevant sind. Dabei sind psychosomatische und Verhaltensstörungen besonders häufig vertreten. Außerdem seien Arbeitslose nach einer Untersuchung der Bundesagentur überdurchschnittlich häufig immunologischem Stress ausgesetzt, der wiederum Krankheiten auslösen könne.

Dazu komme gesundheitsschädigendes Verhalten der Betroffenen sowie das Gefühl, sozial benachteiligt zu sein. Zudem geht der gewohnte Tagesablauf verloren und Sozialkontakte nehmen ab. Zum subjektiv erlebten Verlust des sozialen Status' kommen oft auch familiäre Konflikte. Daher könnten rechtzeitige medizinische Interventionen den Abbau des Wohlbefindens bremsen. "Je früher psychosoziale Angebote einsetzen, desto besser", sagte der Gastgeber des Symposiums und Chefarzt der Klinik Carolabad in Chemnitz, Privatdozent Dr. Markus Bassler.

Heipertz plädierte für einen ehrlichen Umgang mit Langzeitarbeitslosen: "Menschen mit prekärer Gesundheit lassen sich hierzulande deutlich schwerer im Arbeitsmarkt integrieren als in anderen europäischen Ländern." Daher müssten gesundheitsbezogene Eingliederungsmaßnahmen vom Verdacht bloßer Disziplinierung befreit werden.

Ärztlicher Dienst

Der Ärztliche Dienst der Bundesagentur für Arbeit hat nach eigenen Angaben 2007 630 000 Gutachten über Arbeitslose verfasst. 330 000 Gutachten betrafen Hartz-IV-Empfänger, 300 000 Arbeitslosengeld-1-Empfänger (ALG 1). Gutachten über Diagnosen psychosomatischer und Verhaltensstörungen (etwa 80 000 Gutachten für Hartz-IV-Empfänger und 55 000 für ALG-1-Bezieher) führen die Statistik an. Muskel- und Skeletterkrankungen sind die zweithäufigsten Diagnosen in den Gutachten.

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