Ärzte Zeitung, 13.01.2009

Arme leben kürzer - hilft mehr Prävention?

Reich oder arm - Unterschiede bei der Lebenserwartung sind dramatisch. Experten suchen nach Lösungen.

Von Angela Mißlbeck

Arme leben kürzer - hilft mehr Prävention?

Bei der Prävention gibt es eine "Projektitis": Sachverständiger Professor Rolf Rosenbrock.

Foto: WZB

Ein Mädchen in Lesotho lebt 42 Jahre kürzer als ein Mädchen in Japan. In Afghanistan stirbt eine von acht Frauen während Schwangerschaft und Geburt, in Schweden eine von 17400. Mit diesen Beispielen macht die WHO die globalen gesundheitlichen Unterschiede deutlich. Sie weist aber auch auf nationale und sogar lokale Unterschiede hin. So ist die Lebenserwartung im armen Stadtteil Calton im schottischen Glasgow um 28 Jahre niedriger als im benachbarten reichen Pendlerort Lenzie.

Reiche wie arme Länder von Unterschieden betroffen

"Probleme der gesundheitlichen Ungleichheit betreffen uns alle - reiche wie arme Länder", sagte Sir Michael Marmot, Leiter der WHO-Kommission "Soziale Determinanten von Gesundheit" beim 14. Kongress "Armut und Gesundheit" in Berlin. Es sei eine Tatsache, dass die Ärmsten in den reichen Ländern schlechtere Gesundheitschancen haben können als der Durchschnitt in armen Ländern, so Marmot. In ihrem Bericht fordert die WHO, dass die Regierungen der Einzelstaaten auf drei zentralen Handlungsfeldern aktiv werden: Die Lebensbedingungen der Menschen müssten verbessert werden.

Handlungsmacht, Geld und Ressourcen müssen gerechter verteilt werden. Außerdem müssten die Zusammenhänge zwischen Sozialstatus und Gesundheit besser erforscht werden. Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit müssten zu einem Maßstab für Regierungshandeln werden, so Marmot.

Welche Effekte diese Maßnahmen haben können, geht ebenfalls aus dem Bericht hervor: Die Angleichung der Lebensbedingungen der Afroamerikaner an die der weißen US-Bürger hätte demzufolge in zehn Jahren mehr als 866 000 Todesfälle vermeiden können, während durch medizinischen Fortschritt im gleichen Zeitraum nur 177 000 Menschenleben gerettet werden könnten.

"Nicht-medizinische Maßnahmen könnten helfen"

Als einen "Meilenstein der Debatte über gesundheitliche Gerechtigkeit" betrachtet der Präventionsexperte Professor Rolf Rosenbrock, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung des Gesundheitssystems den WHO-Bericht. "Wir sind in Deutschland lange mit Scheuklappen durch die Welt gelaufen", so der Wissenschaftler. Das habe dazu geführt, dass Deutschland heute im europäischen Vergleich hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit im unteren Drittel rangiere. Für Gesundheit seien aber Arbeitsmarkt- und Einkommenschancen entscheidend, so Rosenbrock.

Seinen Angaben nach haben Männer aus dem untersten Fünftel der Einkommensskala in Deutschland eine um zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als Männer aus dem obersten Fünftel. Sein Fazit: "Wenn wir Gesundheit verbessern wollen, sind wir auf nichtmedizinische Maßnahmen angewiesen." Rosenbrock hält nach wie vor ein Präventionsgesetz für nötig. Derzeit gebe es im Präventionsbereich eine "Projektitis" mit vielen losen Enden. Es fehle die Kontinuität im Mittelfluss, in den Projekten selbst und ein Mechanismus, mit dem Ergebnisse der Projekte rückgekoppelt werden, so dass sie übertragbar werden. Ein Gesetz müsste daher aus seiner Sicht regeln, dass alle öffentlichen Präventionsmaßnahmen auf die Verminderung sozialer Gesundheitsunterschiede zielen.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium Marion Caspers-Merk (SPD) sagte zum Kongressauftakt, es werde in Zukunft kein Weg an einem Präventionsgesetz vorbeiführen. Sie kritisierte, dass Krankenkassen nur sechs Prozent ihrer Präventionsausgaben für lebensweltbezogene Gesundheitsförderung verwenden, die zum Beispiel in Kindergärten, Schulen, Betrieben ansetzt. Auch Leistungen der Sozialversicherungsträger und der privaten Krankenversicherung müssten für diese Aufgabe gebündelt werden, forderte die SPD-Politikerin.

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