Ärzte Zeitung, 12.05.2009

Ärztinnen fordern mehr Zeit für die Familie

Die Medizin wird immer weiblicher. Stellt sich Deutschland nicht mit besseren Arbeitsbedingungen darauf ein, droht langfristig eine Versorgungskrise.

Von Bülent Erdogan

BERLIN. Verbindliche Kinderbetreuung in Kliniken, Ausbau von Jobsharing, Teilzeit und flexiblen Dienstplänen, mütterfreundliche Zeiten von ärztlichen Gremien und universitären Kursen, Einrichtung von Not- und Bereitschaftsdienstzentralen: Mit einem Bündel an Forderungen will der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) wenige Tage vor dem 112. Deutschen Ärztetag in Mainz eine Debatte "über verkrustete Strukturen und überholte Rollenbilder" in Praxis und Klinik anstoßen.

Ziel müsse eine familien- und frauenfreundlichere Arbeitswelt sein, forderte Dr. Astrid Bühren, Präsidentin des DÄB, am Montag vor Journalisten in Berlin. Sowohl bei den Medizin-Studenten als auch bei den Berufseinsteigern stellten Frauen inzwischen mit 60 Prozent klar die Mehrheit, so Bühren. Die Funktionärin wehrte sich dabei gegen Vorwürfe, dass der zunehmende Frauenanteil zu einer Schwächung der Versorgungssicherheit führt. Die Feminisierung des Berufs sei keineswegs die Ursache, sondern eine Chance zur Behebung des in Deutschland beklagten Ärztemangels - etwa über eine Stärkung der sprechenden gegenüber der technischen Medizin, sagte sie. Bühren sprach sich dabei für eine generelle Debatte um die künftige Rolle beider Medizinbereiche aus.

Unabhängig vom Geschlecht wollten junge Mediziner heute mehr von ihrem Privatleben haben. Die Lebensarbeitszeit von Ärztinnen sei entgegen mancher Behauptung dabei nicht geringer als die von Männern, so Bühren.

Als positive Nebenwirkung des Frauenbooms erwartet die Medizinerin auch eine bessere Patientenversorgung: So erzielten Frauen in der "zugewandten Medizin" teils bessere Behandlungsergebnisse als ihre männlichen Kollegen. Sie behandelten leitliniengerechter und lägen auch bei der Anamnese vorn. Folge sei eine höhere Compliance der Patienten. Mit dem Vormarsch der Frauen bestehe "vielleicht die große Chance für die Medizin, die Reset-Taste zu drücken" und die Versorgung der Patienten zu verbessern, so Bühren.

Wie essenziell eine frauenfreundlichere Arbeitswelt inzwischen offenbar ist, verdeutlichte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Professor Rolf Kreienberg, am Beispiel seines Faches. Betrage der Anteil weiblicher Assistenzärzte an allen Kollegen derzeit 80 Prozent und der der Oberärztinnen noch 50 Prozent, liege er bei Chefärzten und Wissenschaftlern nur bei fünf Prozent, so Kreienberg.

Für die Chefetagen und Forschungsbereiche der Kliniken drohe damit ein für das klinische Fach existenzbedrohender Engpass. "Entweder wir begeistern die Frauen für diese Positionen oder wir schließen die Kliniken", schlug Kreienberg, der auch Ärztlicher Direktor der Universitätsfrauenklinik Ulm ist, Alarm. "Es muss etwas passieren."

Als Ursache für die geringe Präsenz von Frauen auf Chefarztposten oder Lehrstühlen macht Kreienberg einen Mix aus Angst vor einer zeitlichen Überanspruchung und aus anderen Prioritäten aus. Darüber hinaus stünden auch die Chefärzte in einer größeren Verantwortung: So könnten sich statt eines Oberarztes auch zwei oder drei Kollegen den Dienst in einem Kreißsaal teilen. Er selbst habe sich dies bis vor zwei Jahren noch nicht vorstellen können, räumte Kreienberg ein. "In unseren Köpfen muss sich etwas ändern."

Kreienberg sprach sich zudem dafür aus, die Theorie- und Praxisprüfungen in der Weiterbildung voneinander zu trennen, damit Medizinerinnen die Theorieprüfung in der Elternzeit absolvieren können.

Gynäkologe Kreienberg warnt vor Aus für Abteilungen.

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