Ärzte Zeitung, 19.06.2009

Die Alterspyramide als ewige Reformbaustelle

Die Politik produziert Reformen wie am Fließband. Ein nachhaltiges Konzept für eine älter werdende Gesellschaft hat sie bislang nicht gefunden, sagen Experten.

Von Thomas Hommel

Die Alterspyramide als ewige Reformbaustelle

Wie finanziert man eine älter werdende Gesellschaft - die Politik ist die Antwort bislang schuldig geblieben.

Foto: imago

BERLIN. Dr. Frank Ulrich Montgomery ist bekannt für seine scharfen Attacken auf die Politik. Auch am vergangenen Donnerstag nimmt der Vize der Bundesärztekammer (BÄK) kein Blatt vor den Mund. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat Vertreter aus Medizin, Pharma und der Krankenversicherer eingeladen, um über die "Herausforderung Demografie" zu sprechen.

Das deutsche Gesundheitswesen gehöre "zu den besten der Welt", sagt Montgomery. Die ungesicherte Finanzierung von Krankheit und Pflege sei aber Anlass zur Sorge: Immer mehr Älteren, die Leistungen beanspruchen, stünden immer weniger Jüngere gegenüber, die in die Sozialkassen einzahlten. "Alle diese Probleme sind seit Langem bekannt und werden von der Politik nicht gelöst", giftet Montgomery. Statt Staatseingriff und "Kastration der Selbstverwaltung" brauche das System mehr Eigenverantwortung und Freiheit für Kassen und Selbstverwaltung.

Zuspruch erhält Montgomery von Professor Norbert Klusen, Chef der Techniker Krankenkasse. Er hoffe, so Klusen, dass sich die Politik von "primär kostendämpfenden Handlungsmotiven" löse und sich ihrem eigentlichen Auftrag zuwende: Rahmenbedingungen für ein nachhaltig finanziertes und bestmögliche Gesundheit produzierendes System zu schaffen.

"Demografische Entwicklung und medizinischer Fortschritt erfordern eine neue Balance von privater und gesetzlicher Krankenversicherung", lautet die Antwort von Dr. Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands. Die PKV sieht er durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht geschwächt, im Gegenteil: "Für ein generationengerechtes Gesundheitssystem müssen wir mehr Menschen und mehr Leistungen privat und kapitalgedeckt absichern."

Dem Gesundheitssystem fehle ein Konsens, "was Gesundheit und angemessenes Leben im Alter heißt", sagt die Altersforscherin Professor Adelheid Kuhlmey von der Berliner Charité. Die einzige Antwort der hochtechnisierten Welt auf den demografischen Wandel laute Anti-Aging. Das sei definitiv zu wenig, so Kuhlmey.

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